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Heilige Zeiten – Welche religiösen Feste feiern Menschen in Deutschland?
Teil VII: Eid al-Adha – Das islamische Opferfest

Das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens gelingt umso besser, je mehr wir voneinander wissen. In einer kleinen Reihe wollen wir Unwissen mit Wissen begegnen und neugierig machen auf verschiedene Feste, die in Deutschland gefeiert werden. Heute: Eid al-Adha.

Im siebten Teil unserer Reihe geht es um das höchste islamische Fest, das sogenannte Opferfest. Muslime in aller Welt feiern es in diesem Jahr ab dem 20. Juli. Es wird zum Höhepunkt der Pilgerfahrt nach Mekka, der Ḥağğ, gefeiert, beginnt jährlich am Zehnten des islamischen Monats Dhū al-Ḥiğğa und dauert in der Regel drei Tage. An Eid al-Adha gedenken Muslime der Bereitschaft des Patriarchen Ibrahims, seinen Sohn  für Gott zu opfern. Die Geschichte ist auch Juden und Christen ein Begriff, nur, dass die Namen der Protagonisten variieren. Was genau gefeiert wird und wie sich das Fest gestaltet, erklärt uns der Islamwissenschaftler Ghassan el Masri:

Mein Vater nannte es al-ʿĪd al-Kabīr „das große Fest“. Der Ursprung dieses Festes liegt in der Geschichte eines Vaters und seines Sohns und der Entscheidung, das eigene Kind zur Erfüllung einer Verheißung zu opfern. Gott in seiner Gnade befreit den Patriarchen dann von seiner schrecklichen Pflicht, und ein herrliches Opfertier wird anstelle des Sohns gegeben.

Nach der Tradition des Propheten begehen Muslime diesen Tag mit einem Opfer, meist mit der Schlachtung eines Tieres (für gewöhnlich eines Schafs). Dieser Tag ist in der Tradition auch als Yaum al-Naḥr (der Tag des Schlachtens) bekannt. Ja, dieser Name klingt seltsam und grausam, auch auf Arabisch. Doch sollte man sich vom Klang des Namens nicht täuschen lassen, da er nur die innere und wahre Bedeutung des Festes unterstreicht. Wie bei Isaak, der seinem Vater Abraham auf den Berg Moriah folgte, und bei Jesus, der sich von seinem Vater auf den Berg Golgatha rufen ließ, so wird auch im Koran der geheimnisvolle Beginn des Weges den Berg ʿArafa hinauf zum gnädigsten Ende führen, zur Gnade für die Menschen.

Es ist wichtig, diesen Tag in den Kontext der Pilgerreise nach Mekka zu setzen. Wie die meisten Pilgerreisen, schließt er die schwierige Reise zu Gott mit ein. Für den Muslim, vor allem in vormodernen Zeiten, bevor man mit dem Flugzeug fliegen oder den Zug nehmen konnte, war es eine lange und beschwerliche Reise zu einem kleinen und sehr schlichten Haus (al-Kaaba al-Musharrafa), das in der Wüste lag. Der Mensch, der das Haus Gottes sucht, wird eine Zeit des Verzichts (iḥrām) und eine schwere Reise auf sich nehmen müssen. Er wird lernen müssen, für sich zu bleiben und dennoch die drückende Menge um sich herum zu akzeptieren. Das ist der Mensch, das ist die Gesellschaft und das ist der Weg zum allmächtigen Gott.

Der Anfang vom Ende und der wichtigste Tag dieser Reise ist der Tag ʿArafa (Yaum ʿArafa). Auf dem Berg ʿArafa zu stehen, ist der wichtigste Tag im muslimischen Pilger-Ritual.  Für jeden einzelnen Muslim ist es der wichtigste Tag in seiner Beziehung zu Gott. Je nach Tradition ist es der Tag der neuen Anfänge, der Tag, an dem Adam Eva traf, oder der Tag, an dem der Erzengel Gabriel sich Abraham zeigte und ihn das Ritual Ḥağğ lehrte. Nach einer Aussage des Propheten in den Ḥadīṯen gibt es an diesem Tag einen Moment, in dem Gott den Betenden alles vergibt. Mit Yaum ʿArafa ist der Pilger so nah wie nur möglich zu Gott gekommen, hat sich selbst von der Bürde befreit, seinem Schöpfer fern zu sein, und kann vom heiligen Berg herabsteigen. Dies ist der bedeutungsvolle (heilige) Abend ʿĪd al-Adḥa.

Die Morgendämmerung des folgenden Tages ist der zehnte Tag des Dhū al-Ḥiğğa und der erste von drei Tagen des Großen Festes ʿĪd al-Adḥa. Es ist der Höhepunkt der Rituale, der Tag nach ʿArafa. Der Opferteil des Festes wird nun durchgeführt. Das Opfertier muss ohne Makel sein und es ist verordnet, dass es mit großer Gnade behandelt wird. Der Pilger isst für gewöhnlich nicht selbst von dem Tier, das er oder sie geopfert hat, sondern gibt es an Menschen, die es benötigen. Für die Menschen, die nicht in Mekka sind, für Muslime in der ganzen Welt, ist dieser Tag dazu bestimmt, die Gemeinde zum Dämmerungsgebet in der Moschee vor Ort zu treffen. Wer es sich leisten kann, opfert ein Tier und gibt es an Menschen in Not.

Für meinen Vater und seine Kinder stand dieser Tag für köstliche Kekse (Kaʿk el-ʿĪd), er bedeutete neue Kleider und einen fröhlichen Tag –. Für alle Väter bedeutete dieser Tag, Geschenke an die eigenen Kinder, jüngere Geschwister, Neffen und Nichten zu geben. Dem Brauch entsprechend, wurde meistens Bargeld gegeben. ʿĪd bedeutet, zu akzeptieren, wer wir sind, und einander zu lieben, ältere Familienmitglieder zu besuchen, vor allem die, welche wir länger nicht gesehen haben. Einen Freund anzurufen, auch den, der weit weg wohnt, um ihn zu grüßen, die zu erreichen, welche sich von uns entfernt haben, sei es aufgrund gesellschaftlicher Lasten, persönlicher Probleme oder anderer Dinge. 

Es bedeutet, Gäste zu empfangen, ein offenes Haus und ein offenes Herz zu haben. An diesem Tag ist alles vergeben und beinahe alles ist erlaubt.

Das islamische Opferfest wird weltweit von rund 1,9 Milliarden Muslimen gefeiert.

Gesprächspartner: Dr. Ghassan el Masri ist Islamwissenschaftler und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bayerischen Forschungszentrum für Interreligiöse Diskurse an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Kontakt
Leiter: Dr. Philipp W. Hildmann
L3: Kompetenzzentrum Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Interkultureller Dialog
Leiter:  Dr. Philipp W. Hildmann
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E-Mail: hildmann@hss.de