Dr. Hermann Onko Aeikens ist ein deutscher Agrarwissenschaftler und Politiker der CDU. Er war viele Jahre in der Landwirtschaftspolitik aktiv, unter anderem als Minister in Sachsen-Anhalt und später als Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Wir haben mit ihm über den Alltag und die Herausforderungen der Landwirte gesprochen.
Interview – moderne Landwirtschaft
Zwischen Natur und Melkrobotern
Dr. Hermann Onko Aeikens: Landwirtschaft ist aber nicht nur Wirtschaft sondern auch Kultur.
Holger Wegener
HSS: Warum ist die Landwirtschaft wichtig für Deutschland und die Welt?
Dr. Hermann Onko Aeikens: Die Landwirtschaft bildet das Fundament unserer Ernährung – und darüber hinaus eine zunehmend wichtige Basis für die Energiegewinnung sowie für industrielle Rohstoffe. Damit ist sie weit mehr als nur ein Wirtschaftszweig: Sie ist systemrelevant für unsere Gesellschaft.
Angesichts einer Weltbevölkerung von über acht Milliarden Menschen wächst der Bedarf an Lebensmitteln stetig. Gleichzeitig leiden weltweit über 800 Millionen Menschen an chronischem Hunger, zwei bis drei Milliarden sind mangelernährt. Eine leistungsfähige und nachhaltige Landwirtschaft ist deshalb unerlässlich, um die globale Ernährungssicherheit zu gewährleisten.
Deutschland spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Mit einer wettbewerbsfähigen Land- und Ernährungswirtschaft zählt es international zu den bedeutendsten Export- und Importnationen im Agrarbereich. Darüber hinaus prägt die Land- und Forstwirtschaft unsere Kulturlandschaft in entscheidender Weise: Rund 50 Prozent der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt, etwa 30 Prozent sind bewaldet.
Landwirtschaft ist aber nicht nur Wirtschaft – sie ist auch Kultur. Sie gestaltet das Gesicht des ländlichen Raums, sichert Arbeitsplätze vor Ort und hält unsere Dörfer lebendig. Denn eines ist klar: Dörfer ohne Bauern sind ärmere Dörfer.
Dr. Hermann Onko Aeikens: „Moderne Landwirtschaft ist dabei längst Hightech: Melkroboter, Drohnen, GPS-gesteuerte Traktoren und digital vernetzte Maschinen gehören heute zum Alltag auf vielen Höfen."
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HSS: Was macht den Beruf des Landwirts spannend und attraktiv?
Dr. Hermann Onko Aeikens: Der Beruf des Landwirts zählt zu den vielseitigsten und zugleich Sinn stiftendsten Tätigkeiten überhaupt. Selbständige Landwirte tragen Verantwortung für ein Unternehmen mit allen Chancen und Herausforderungen, die das mit sich bringt. Viele führen dabei eine jahrhundertelange Familientradition fort.
Was diesen Beruf besonders macht, ist die enge Verbindung zur Natur und die Möglichkeit, eigenverantwortlich zu arbeiten. Der Tagesablauf wird nicht nur vom Schreibtisch bestimmt, sondern vor allem vom Rhythmus der Jahreszeiten und vom Leben mit Pflanzen und Tieren.
Moderne Landwirtschaft ist dabei längst Hightech: Melkroboter, Drohnen, GPS-gesteuerte Traktoren und digital vernetzte Maschinen gehören heute zum Alltag auf vielen Höfen. Diese technologische Entwicklung eröffnet neue Perspektiven – gerade auch für junge Menschen mit Interesse an Innovation und Nachhaltigkeit.
Zudem bietet das Leben auf dem Land Lebensqualität. Im Vergleich zur Hektik und Enge der Städte punktet der ländliche Raum mit Ruhe, Naturverbundenheit und einem starken Gemeinschaftsgefühl. Die Nähe von Wohn- und Arbeitsort macht den Beruf familienfreundlich – ein weiterer Pluspunkt, der den landwirtschaftlichen Beruf so attraktiv macht.
HSS: Welche Veränderungen und Herausforderungen gab es in der Landwirtschaft in den vergangenen 20 Jahren?
Dr. Hermann Onko Aeikens: Die Landwirtschaft hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten tiefgreifend verändert – und steht heute vor vielfältigen Herausforderungen. Eine zentrale Entwicklung ist die zunehmende gesellschaftliche Kritik, vor allem in Bezug auf das Tierwohl und Umweltfragen. Viele Landwirtinnen und Landwirte empfinden diese Kritik als ungerecht und fühlen sich in ihrer Arbeit nicht ausreichend gewürdigt. Es entsteht eine wachsende Entfremdung zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft.
Gleichzeitig wirkt sich der Klimawandel immer stärker auf die landwirtschaftliche Produktion aus. Verschobene Aussaat- und Erntezeiten, häufigere Wetterextreme und das Auftreten neuer bisher hier unbekannter Schädlinge erhöhen das Risiko von Ernteausfällen erheblich. Das stellt Betriebe vor zunehmende wirtschaftliche Unsicherheiten.
Hinzu kommt die zunehmende Bürokratisierung. Dokumentations- und Berichtspflichten haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Gerade kleinere und mittlere Betriebe stoßen hier an ihre Grenzen. Auch das Steuer- und Baurecht ist komplex – es bedarf dringend einer konsequenten Entbürokratisierung, um den Betrieben wieder mehr Freiräume zu geben.
Ein weiteres drängendes Thema ist der zunehmende Wettbewerb um landwirtschaftliche Flächen. Seit der Finanzkrise 2008 investieren vermehrt kapitalkräftige Anleger in Agrarland – als vermeintlich sichere Geldanlage mit Wertsteigerungspotenzial. Für landwirtschaftliche Familienbetriebe, die auf eine Bewirtschaftung aus eigener Kraft angewiesen sind, bedeutet das: steigende Bodenpreise und erschwerte Flächenzukäufe. Dieser Entwicklung wurde bislang in der politischen Debatte zu wenig Beachtung geschenkt.
Diese Vielzahl an Herausforderungen führt bei vielen Landwirtinnen und Landwirten zu wachsendem Unmut – und zur Bereitschaft, durch Demonstrationen und Proteste auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Ihr Ziel: Mehr Wertschätzung, faire Rahmenbedingungen und eine zukunftsfähige Landwirtschaft.
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