Kuba 2026
Havanna am Limit: Wie die Energiekrise, Armut und internationaler Druck das Land erschüttern
Eine von einem Stromausfall betroffene Straße ist in Havanna, Kuba während der Energiekrise. Ursache ist eine von den Vereinigten Staaten im Januar 2026 verhängten Treibstoffblockade. Die Blockade zielte darauf ab, venezolanische Öllieferungen zu unterbinden, die wichtigste Treibstoffquelle Kubas. Die Energiekrise hat Stromausfälle, Unterbrechungen im Verkehr und Engpässe bei Kochgas verursacht.
© SOPA/Imago
Eine Krise mit System: Warum Kubas wirtschaftlicher Niedergang seit 2019 anhält
Kuba befindet sich seit 2019 in einer anhaltenden Wirtschaftskrise, ohne dass es dem Land gelingt, auch nur annährend wieder auf Wachstumskurs zu kommen. Dies spiegelt sich unter anderem in der Kaufkraft der Bevölkerung wider. Ein deutlicher Indikator dafür ist, dass der Dollar aktuell bei etwa 480 kubanischen Pesos (CUP) liegt und das durchschnittliche staatliche Gehalt im Jahr 2025 etwa 6.500 CUP[1] beträgt. Ein Arbeitnehmer erhält somit monatlich nur etwa 13 bis 14 USD. Der Ökonom Omar Everleny Pérez[2] schätzt den Warenkorb für zwei Personen auf 24.351 CUP.
Die Energiekrise als Schlüsselproblem: Stromausfälle, Brennstoffmangel und marode Infrastruktur
Die Energiekrise ist zum sichtbarsten Faktor der Krise geworden. Seit 2024 kommt es zu langanhaltenden Stromausfällen von mehr als 15 bis 20 Stunden täglich oder zu vollständigen Zusammenbrüchen des nationalen Stromnetzes. Diese Ausfälle lähmen die Wirtschaft, beeinträchtigen die Wasserversorgung, Krankenhäuser und Kommunikation und erschweren zusammen mit der Knappheit an Flüssiggas das alltägliche Leben enorm. Die Menschen sind gezwungen, mit Brennholz und Kohle zu kochen. Das dauerhafte Auftreten dieser Probleme zeugt von einer strukturellen Krise, die mit dem Verfall der Wärmekraftwerke, dem Brennstoffmangel und dem Fehlen nachhaltiger Investitionen zusammenhängt. Dadurch wird die Stromversorgung zu einem der Hauptfaktoren für die Instabilität des Landes.
Am 3. Januar dieses Jahres kappten die Vereinigten Staaten nach der Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro den Rohölfluss aus Venezuela nach Kuba. Am 29. Januar kündigten sie zudem Zölle für Länder an, die die Insel mit Brennstoff versorgen. Da Kuba zwei Drittel seiner Energie importiert, führte dies zu einer de-facto-Energieblockade, welche die Verfügbarkeit von Brennstoffen drastisch reduzierte und die Anfälligkeit des Stromnetzes verstärkte.
Am 30. März bestätigten Medien die Ankunft eines russischen Öltankers, nachdem es fast drei Monate lang keine nennenswerten Lieferungen an die Insel gegeben hatte. In diesem Zusammenhang erklärte US-Präsident Donald Trump, er werde sich diesen Lieferungen nicht widersetzen, obwohl die Sanktionen bestehen bleiben. Bei der Lieferung handelt es sich lediglich um eine punktuelle Entlastung, die den Bedarf des Landes nicht decken kann.
Soziale Folgen der Energiekrise: Transport, Wasserversorgung, Lebensmittel und öffentlicher Alltag unter Druck
Die Auswirkungen des Ölmangels auf die Bevölkerung sind unmittelbar und kumulativ. Die Treibstoffknappheit hat den öffentlichen Nahverkehr eingeschränkt, die Wasserversorgung beeinträchtigt und durch den Strommangel die Konservierung und Zubereitung von Lebensmitteln erschwert. Zudem wurden grundlegende Dienstleistungen wie Krankenhäuser – mit Ausnahme der wesentlichen und dringenden Dienste – und Universitäten lahmgelegt. Nicht systemrelevante Tätigkeiten wurden ausgesetzt und die meisten Staatsbediensteten ins Homeoffice geschickt[3]. Die Energiekrise wirkt sich auch auf andere Bereiche aus. In Havanna kam es aufgrund des Treibstoffmangels zu Müllbergen, da die Müllabfuhr zum Erliegen gekommen ist. Zudem wurden die Produktion, der Vertrieb und die Lagerung von Lebensmitteln beeinträchtigt, was die Inflation weiter anheizt. Der private Verkehr ist deutlich teurer geworden da der Preis für Treibstoff auf dem Schwarzmarkt momentan bei über 4.000 CUP (ca. 8,50 USD) pro Liter liegt. Diese Entwicklung hat die soziale Unzufriedenheit weiter angeheizt, die sich im Februar und März in Form von „Cacerolazos” (Topfschlagen) und nächtlichen Kundgebungen in mehreren Städten äußerte.
Regierungsmaßnahmen unter Druck: Erneuerbare Energien, private Kraftstoffimporte und steuerliche Anreize
Die kubanische Regierung hat versucht, auf die Krise mit einer Reihe von Maßnahmen zu reagieren Unter anderem wurde die Zollbefreiung für den Import von Photovoltaikanlagen und anderen Anlagen für erneuerbare Energien erlassen. Zudem sind steuerliche Anreize wie die Befreiung von der Gewinnsteuer für bis zu acht Jahre für Energieprojekte angedacht.
Eine weitere wichtige Maßnahme ist die Genehmigung für privaten Import von Kraftstoff[4]. Es wurden rechtliche Mechanismen geschaffen, die den Verkauf von Erdöl – einschließlich venezolanisches – an private Akteure in Kuba ermöglichen. Aufgrund der finanziellen und logistischen Einschränkungen, mit denen der Privatsektor konfrontiert ist, war der Effekt dieser Maßnahme jedoch begrenzt.
Auf wirtschaftlicher Ebene will die kubanische Regierung die Gründung von gemischten Unternehmen zwischen dem staatlichen und dem privaten Sektor fördern. Eine neue Regelung ermöglicht die Gründung von Gesellschaften mit beschränkter Haftung sowie anderen Kooperationsmodellen.
Ein weiterer Meilenstein war die im März getroffene Ankündigung, Investitionen von im Ausland lebenden Kubanern in die nationale Wirtschaft[5] zu erleichtern. Ihnen soll es gestattet sein, Gesellschafter oder Eigentümer privater Unternehmen zu werden, Partnerschaften mit Kleinst-, Klein- und Mittelunternehmen, Genossenschaften oder staatlichen Einrichtungen einzugehen, Devisenkonten im nationalen Finanzsystem zu eröffnen und an Investmentfonds zur Finanzierung wirtschaftlicher Projekte teilzunehmen.
Einige Ökonomen[6] warnen, dass zwar richtige Schritte getan wurden, nach wie vor jedoch ein hohes Maß an Ermessensspielraum, Bürokratie und zentraler Kontrolle besteht. Sie weisen zudem auf ein Übermaß an notwendigen Genehmigungen sowie auf Unklarheiten darüber hin, wer den staatlichen Eigentümer repräsentiert. Dies zusammen mit dem Fehlen einer umfassenden Reform der staatlichen Unternehmen könnte die Wirksamkeit dieser Maßnahmen einschränken.
Ungewisse Perspektiven: Entscheiden Reformfähigkeit und internationale Politik über Kubas Stabilisierung?
Die Perspektiven bleiben unsicher. Intern sind die wirksame Umsetzung der Maßnahmen und die Reaktionsfähigkeit der Wirtschaft entscheidend, insbesondere vor dem Hintergrund, dass Reformen meist nur in Zeiten hohen wirtschaftlichen Drucks auf den Weg gebracht werden.
Extern wird das Szenario maßgeblich von der Entwicklung der US-Politik gegenüber Kuba geprägt sein. Diese kann zwischen Verhandlungen, Entspannung oder verstärktem wirtschaftlichen und politischem Druck schwanken. Eine mögliche demokratische Kontrolle des Kongresses nach den kommenden US-Wahlen könnte Raum für eine Lockerung der Sanktionen schaffen. Ein Szenario der politischen Kontinuität würde hingegen die derzeitige Druckstrategie beibehalten oder sogar verstärken.
Entscheidend dafür, ob es dem Land gelingt, sich zu stabilisieren, oder ob sich der wirtschaftliche und soziale Niedergang weiter verschärft, werden die interne Anpassungsfähigkeit und die Reaktion des internationalen Umfelds sein.
[2] https://jovencuba.com/costo-vida/
[5] https://www.youtube.com/watch?v=nViBKZP8Khw
[6] https://jovencuba.com/empresas-estatales-privadas/
Zu den Autoren:
Rubén Padrón Garriga (geb. 1993) ist ein kubanischer Forscher und Journalist. Er ist Mitglied des Teams von „La Joven Cuba“, einem gemeinnützigen, parteiunabhängigen Online-Magazin, das Analysen über politische und soziale Themen auf Kuba veröffentlicht und damit Informations- und Analyselücken über Kuba füllen will. Er besitzt einen Bachelor in Sozialkommunikation und ist Masterstudent im Fach Menschenrechte. Er beschäftigt sich mit den Themen Kommunikation, Politik und Polarisierung.
Philipp Fleischhauer leitet das Zentralamerikaprojekt der HSS in El Salvador.
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Journalist bei "La Joven Cuba"