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Im Gespräch mit. . . Journalistin Julia Ruhs
„Ich eigne mich für niemanden als Galionsfigur“

Autorin/Autor: Karl Heinz Keil

Mit ihren Beiträgen, Reportagen und ihrer dezidierten Meinung gehört Julia Ruhs zu den meistdiskutierten Journalistinnen Deutschlands. Spätestens seit den Debatten um ihr TV-Format „Klar“ steht sie nicht mehr nur als Beobachterin gesellschaftlicher Entwicklungen im Fokus, sondern selbst im Zentrum medialer Auseinandersetzungen über Meinungsvielfalt, journalistische Haltung und die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Über Letzteres hat sie während einer Podiumsdiskussion in der Hanns-Seidel-Stiftung mit Klaus Holetschek, Vorsitzender CSU-Landtagsfraktion, und Prof. Dr. Christian Pieter Hoffmann, Lehrstuhl für Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig, gesprochen.

Im Kurzinterview spricht die Autorin des Buches „Links-grüne Meinungsmacht“ mit uns über „Vorzeige-Migration“ und Zweifler der Öffentlich-Rechtlichen sowie über unabhängigen Journalismus in polarisierten Mediendebatten.

Experten diskutieren auf dem Podium vor Publikum in der Hanns-Seidel-Stiftung

Julia Ruhs (Zweite von links) gehört zu den umstrittensten Journalistinnen Deutschlands. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion in der Hanns-Seidel-Stiftung mit Klaus Holetschek (li.), Vorsitzender CSU-Landtagsfraktion, und Prof. Dr. Christian Pieter Hoffmann, (re.), Lehrstuhl für Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig, spricht sie u.a. über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

© Delhaes-Guenther

Julia Ruhs im Interview über Meinungsvielfalt und Medienkritik

HSS: Sie sind inzwischen selbst Gegenstand einer öffentlichen Debatte geworden: Wie fühlt sich das an? Was macht es mit einer Journalistin, plötzlich selbst Teil der Geschichte zu werden? 

Julia Ruhs: Das war gar nicht meine Absicht. Ich bin ein eher harmonischer und friedlicher Mensch, der im Leben gar nicht so oft angeeckt ist. Aber ich bin auch ein ehrlicher Mensch und will mich nicht verstellen. Ich habe Überzeugungen und vertrete ziemlich normale Meinungen. Ich habe mir in den letzten Jahren ein dickeres Fell wachsen lassen – ich glaube, das ist auch nötig, wenn man etwas in der Öffentlichkeit steht. 

Julia Ruhs sprach auf Einladung der HSS über „Vorzeige-Migration“ und Zweifler der Öffentlich-Rechtlichen sowie über unabhängigen Journalismus in polarisierten Mediendebatten.

Julia Ruhs sprach auf Einladung der HSS über „Vorzeige-Migration“ und Zweifler der Öffentlich-Rechtlichen sowie über unabhängigen Journalismus in polarisierten Mediendebatten.

© HSS

HSS: Sie haben diese Debatte über die Meinungsvielfalt im öffentlichen-rechtlichen Rundfunk nicht nur beobachtet, sondern auch selbst erlebt. Lange vor den Kontroversen um die TV-Sendung „Klar“ haben Sie bereits ein Buch mit dem Titel „Links-Grüne Meinungsmacht“ geschrieben. Nennen Sie bitte Beispiele im redaktionellen Alltag, in denen Sie den Eindruck hatten, dass bestimmte Perspektiven erwünscht sind, andere eher nicht. 

Julia Ruhs: Gerade im Journalistennachwuchs habe ich miterlebt, dass hier linkere Einstellungen fast unwidersprochen sind. In der Bevölkerung, für die wir ja schreiben und senden, ist das aber nicht so. Durch wissenschaftliche Umfragen in unserem Berufsstand wissen wir außerdem: Bekennende Konservative sind im Journalismus generell selten, die TU Dortmund hat bei einer repräsentativen Studie einen Grünen-Wähleranteil von 41 Prozent ermittelt, die Union kam nur auf acht Prozent. Das deckt sich mit Studien aus den letzten Jahrzehnten. 
Dazu kommt, wir Journalisten haben nicht qua Beruf die Courage automatisch in uns. Die Leitmedien geben oft einen Trend vor, orientieren sich gegenseitig zu sehr an sich selbst. Auch dadurch entsteht oft der Eindruck eines „Mainstreams“. Zum Beispiel wurden die letzten Jahre beim Thema Migration aus meiner Sicht oft die „Vorzeige-Migranten“ vorgestellt: gut integriert, der deutschen Sprache mächtig, sympathisch. Die Problemfälle hat man kaum vor der Kamera. Weil die natürlich auch viel schwerer zu kriegen sind. Dadurch entstand ein schiefes Bild. Immerhin, die Uni Mainz hat 2024 erhoben, welches die ausgewogensten Nachrichtenformate im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind. Auch BR24, die Marke, für die ich arbeite, wird dort als ausgewogenstes Angebot angeführt. 

Das TV-Format „Klar“ und die Debatte um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

HSS: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht seit einiger Zeit in der Kritik: Es geht um Cancel-Culture und ausgewogene, journalistische Berichterstattung. Sie selbst haben, nachdem ihr NDR-Format „Klar“ im September 2025 bereits nach drei Folgen abgesetzt wurde, in dem Zusammenhang von „Mobbing“ gesprochen, während Kritiker ihre Beiträge als tendenziös eingestuft haben. Was ist für Sie das grundlegende Problem der Öffentlich-Rechtlichen? 

Julia Ruhs: Wir haben den Auftrag, die Breite der Bevölkerung zu erreichen – wenn wir das nicht mehr schaffen, gibt es ein Problem. Zu den Zweiflern des Öffentlich-Rechtlichen durchzudringen, war ein Ziel von „Klar“. Man muss dazu sagen: Zwei Drittel vertrauen den Öffentlich-Rechtlichen, das ist immer noch gut. Aber ich glaube, um das nicht zu verspielen, wird es künftig noch mehr Reformen geben müssen. Mehr vertiefende Information, weniger Unterhaltung. Aber das müssen andere entscheiden. Ich bin glücklich, als feste Freie beim BR zu arbeiten. Und noch Zeit für andere journalistische Formate zu haben. 

Zwischen Reichweite, Verantwortung und Unabhängigkeit

HSS: Sie kennen unterschiedliche Medienwelten aus eigener Erfahrung. Wo spüren Sie die größten Unterschiede zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk und anderen journalistischen Anbietern und Formaten? 

Julia Ruhs: Der größte Unterschied ist ein sehr offensichtlicher: Die einen müssen sich tagtäglich verkaufen, es sind Wirtschaftsunternehmen. Wenn sie viele Konsumenten verlieren, führt das unweigerlich dazu, dass eingespart werden muss, Arbeitsplätze auf der Kippe stehen. Wenn man bei den Öffentlich-rechtlichen Zuschauer verliert, hat man diesen Druck nicht gleich so direkt. Das führt in meinen Augen öfter dazu, dass man an einigen Stellen weniger mutig ist, weniger risikoaffin, sich insgesamt langsamer von alten Strukturen verabschiedet. Aber öffentlich-rechtlich zu sein, hat auch positive Seiten: Man ist nicht unbedingt angewiesen auf Reichweite, dadurch können wir Themen und Projekte umsetzen, die wichtig sind, sich aber für private Medien wirtschaftlich oft nicht lohnen würden. Gerade investigative Recherchen brauchen viel Zeit und Geld – und genau dafür gibt es im Öffentlich-Rechtlichen Spielraum. 

HSS: Wenn man bewusst auch Themen oder Perspektiven anspricht, die andere Medien vielleicht weniger aufgreifen, erlebt man womöglich Resonanz auch aus politischen Milieus, mit denen man sich selbst vielleicht gar nicht identifiziert. Wie gehen Sie damit um? 

Julia Ruhs:  Generell werde ich meine journalistische Arbeit nicht danach ausrichten, wer mir Beifall spendet, sondern möchte frei und unabhängig sein. In manchen Situationen bin ich aber vorsichtiger geworden, gerade um nicht vereinnahmt zu werden. Ich eigne mich sowieso für niemanden als Galionsfigur. Wichtig ist für mich, neugierig zu bleiben, zuzuhören und nicht in Schubladen zu denken.

HSS: Wie bewerten Sie die Wirkung der neuesten „Klar“-Folge zum Islamismus?

Julia Ruhs:  Wir haben das Thema bewusst gewählt, weil wir glauben, dass wir über islamistische Tendenzen dringend offener sprechen müssen. Wir haben sauber zwischen Islam und Islamismus getrennt, weil Religionsfreiheit und Toleranz natürlich wichtig sind für unsere Gesellschaft und für unsere Demokratie. Extremistische Entwicklungen halten wir dagegen für nicht tolerierbar. Wir haben erreicht, dass tatsächlich eine zusätzliche Aufmerksamkeit entstanden ist. Auch der „Spiegel“ hat nun das Thema aufgegriffen. 

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Leiter: Karl Heinz Keil
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