Iran: Die Macht der Vergangenheit und die politische Moral des Widerstands
Männer tragen während der Aschura-Gedenkfeier im iranischen Dorf Marzan eine in grünes Tuch gehüllte Figur durch die Menschenmenge. Mit traditionellen Trauerritualen erinnern schiitische Muslime an den Tod Imam Husseins in der Schlacht von Karbala im Jahr 680. Karbala wurde zum Symbol dafür, dass Gerechtigkeit nicht unbedingt siegt – und dass Widerstand auch dann geboten sein kann, wenn er aussichtslos erscheint. Die Bedeutung von Karbala reicht damit weit über die Religion hinaus und wirkt bis heute in die politische Kultur und den Widerstand im Iran hinein.
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Im Iran sind seit der Antike Vorstellungen von moralischer Ordnung, religiösem Opfer und politischer Herrschaft so eng miteinander verknüpft, dass daraus eine eigene politische Kultur entstand – eine, in der Macht stets moralisch aufgeladen ist und Widerstand eine fast sakrale Dimension annehmen kann. Wer die politische Kultur und den Widerstand im Iran verstehen will, muss deshalb historische, religiöse und gesellschaftliche Entwicklungen zusammen betrachten. Von der Islamischen Revolution bis zu den heutigen Protesten, dem Krieg und den Verhandlungen wirkt dieses historische Erbe fort.
Herrschaft, Macht und moralische Ordnung im Iran
Im Iran ist Herrschaft seit Jahrhunderten ein moralisches Projekt. Ardaschir I. aus der Dynastie der Sassaniden schuf 224 n. Chr. ein Großreich, das Macht nicht nur ausübte, sondern legitimierte: als Dienst an einer göttlich geordneten Welt. Der „König der Könige“ sollte diese Ordnung sichern, gestützt auf den Zoroastrismus, eine Religion, die Geschichte als Kampf zwischen Gut und Böse versteht – und den Herrschenden Verantwortung zuschreibt. Die politische Herrschaft im Iran war damit bereits seit der Antike mit dem Anspruch moralischer Legitimation verbunden.
Diese Verbindung von Königtum, Kosmos und Moral prägte die politische Vorstellungswelt Irans weit über die sassanidische Zeit hinaus. Der Herrscher war nicht bloß militärischer Sieger oder Verwalter, sondern Träger einer Ordnungsidee. In der persischen Tradition verband sich politische Macht mit dem Anspruch auf Gerechtigkeit, Maß und Schutz der Gemeinschaft. Das bedeutete nicht, dass iranische Herrschaft tatsächlich gerecht gewesen wäre. Aber sie musste sich in einer Sprache rechtfertigen, die über bloße Gewalt hinausging.
Zwar brach das sassanidische Reich unter dem Druck der islamischen Expansion im 7. Jahrhundert zusammen, doch die iranische Kultur verschwand nicht. Verwaltung, Hofrituale, Geschichtsbilder und die persische Sprache überlebten auf dem iranischen Hochplateau. Selbst der Islam wurde anders – durchdrungen von älteren Vorstellungen von Königtum, Gerechtigkeit und moralischer Weltordnung. Gleichzeitig begannen Iraner, ihre vorislamische Vergangenheit als eigenständige Hochkultur zu erinnern. Das Ergebnis war kein Bruch, sondern eine Überlagerung.
Diese Überlagerung ist entscheidend. Der Iran wurde islamisch, ohne einfach arabisch zu werden. Er blieb persisch, ohne vorislamisch zu bleiben. Gerade aus dieser Spannung entstand eine politische Kultur, in der Vergangenheit nicht bloß Erinnerung ist, sondern Deutungsressource. Wer im Iran Herrschaft legitimiert oder Widerstand begründet, greift daher häufig auf ältere Schichten politischer Moral zurück.
Die Schia: Der Islam der Leidenden
Eine zweite, vielleicht noch tiefere Prägung setzte im 16. Jahrhundert ein, als die Dynastie der Safawiden die Schia, die zweitgrößte religiöse Strömung im Islam, zur Staatsreligion erklärten, und dem Iran damit ein religiöses Profil gaben, das ihn bis heute vom mehrheitlich sunnitischen Umfeld unterscheidet. Diese Entscheidung war nicht nur religiös, sondern auch politisch. Die Schia markierte Abgrenzung gegenüber dem sunnitischen Osmanischen Reich im Westen und den Usbeken im Osten. Sie wurde zu einem Instrument staatlicher Verdichtung und zugleich zu einem Identitätsmerkmal Irans.
Im Kern des schiitischen Selbstverständnisses steht die politische Tragödie. Schiiten sehen Ali, Muhammads Schwiegersohn, als rechtmäßigen Stellvertreter des Propheten – sie nannten sich Schīʿat ʿAlī, die Partei Alis. Doch der historische Ali scheiterte, und sein Sohn Hussein wurde 680 n. Chr. in der Schlacht von Karbala von den sunnitischen Umayyaden getötet. Sein Tod wurde zum Gründungsmythos eines Islam der Unterdrückten.
Husseins Tod gilt Schiiten als bewusste Opferhandlung gegen illegitime Herrschaft. Karbala wurde zum Symbol dafür, dass wahre Gerechtigkeit nicht notwendigerweise siegt, sondern leidet – und dass Widerstand auch dann geboten sein kann, wenn er aussichtslos erscheint. Die Bedeutung von Karbala reicht damit weit über die Religion hinaus und wirkt bis in die politische Kultur und den Widerstand im Iran hinein. Sie erklärt, warum Rituale der Trauer, der Erinnerung und der Klage eine zentrale Rolle spielen und warum politische Konflikte häufig in moralischen Kategorien erzählt werden.
Dabei war die schiitische Tradition keineswegs von Anfang an revolutionär. Über lange Zeit dominierte eher Zurückhaltung gegenüber direkter Machtausübung. Da der rechtmäßige Imam abwesend war, erschien weltliche Herrschaft immer vorläufig, unvollkommen und in letzter Instanz illegitim. Gerade diese Distanz zur Macht verlieh der schiitischen Gelehrsamkeit jedoch eine besondere Autorität. Die Geistlichen standen nicht einfach im Dienst des Staates, sondern konnten zwischen Herrschaft und Gesellschaft vermitteln – und im Konfliktfall auch gegen die Herrschaft sprechen.
Geschichte und Religion als Blaupause der Revolution
Eng damit verbunden ist der Glaube an den Mahdi. Er gilt den meisten Schiiten als rechtmäßiger Nachfolger Alis, der im 9. Jahrhundert „in die Verborgenheit“ ging und am Ende der Zeiten zurückkehren wird, um Gerechtigkeit herzustellen. Diese Vorstellung konnte lange politisch beruhigend wirken: Wenn der wahre Herrscher abwesend ist, bleibt jede weltliche Macht vorläufig und unvollkommen. Doch sie enthält auch Dynamit. Denn aus der Erwartung künftiger Gerechtigkeit lässt sich ein Auftrag ableiten, gegen gegenwärtige Ungerechtigkeit aufzustehen.
Auf dieser Deutung baute die Islamische Revolution von 1979 auf, die die Islamische Republik Iran begründete. Ihr Anführer, Ajatollah Ruhollah Khomeini, übersetzte schiitische Erlösungsbilder in politische Praxis. Der autokratisch herrschende Schah Mohammad Reza Pahlavi erschien als moderner Tyrann, die schiitische Geschichte als Drehbuch der Revolution, das Volk als Gemeinschaft der Unterdrückten.
Khomeini entwickelte die Lehre von der velayat-e faqih, der „Vormundschaft des Rechtsgelehrten“: Geistliche sollten stellvertretend für den Mahdi die Verantwortung für Staat und Gesellschaft übernehmen. Es war ein radikaler Schritt – und ein Bruch mit jahrhundertelanger schiitischer Zurückhaltung gegenüber direkter Machtausübung. Die Revolution machte aus einer Tradition, die weltliche Macht lange skeptisch betrachtet hatte, die Grundlage eines religiösen Staates.
Gerade darin liegt die innere Spannung der Islamischen Republik. Sie beansprucht, im Namen der Unterdrückten zu sprechen, hat aber selbst eine Ordnung geschaffen, die Unterdrückung systematisch ausübt. Sie beruft sich auf Karbala, steht aber aus Sicht vieler Iraner längst selbst auf der Seite jener Macht, gegen die Hussein zum Symbol wurde. Diese Umkehrung erklärt, warum religiöse Erzählungen nicht nur dem Regime zur Verfügung stehen. Sie können auch gegen dieses gewendet werden.
Proteste im Iran: Alte Muster, neue Sprache
Ende 2025 und Anfang 2026 erlebte der Iran eine erneute, weitreichende Protestbewegung, die zu den größten seit der Revolution von 1979 gezählt wird. Zunächst aus wirtschaftlichen Gründen gingen Menschen auf die Straße; rasch entwickelten sich die Demonstrationen zu einem vielschichtigen politischen Aufbegehren gegen das religiös-autoritäre Regime. Der staatliche Umgang mit den Protesten war brutal: Menschenrechtsorganisationen sprachen von massiver Gewalt, Tötungen, Verhaftungen und systematischer Einschüchterung.
Die Proteste spiegeln eine Unzufriedenheit, die über bloße ökonomische Forderungen hinausgeht und an Narrative von Ungerechtigkeit, politischer Legitimität und Widerstand anschließt. Die schiitische Betonung des Kampfes gegen Tyrannei und für moralische Ordnung wird heute von vielen Protestierenden in säkularen Forderungen nach Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und politischer Teilhabe neu interpretiert. Gleichzeitig trifft sie auf eine Generation, die sich nicht mehr allein auf Erlösung, sondern auf ihre politische Wirkmächtigkeit verlässt – eine Reaktion, die sowohl aus jahrzehntelanger Unterdrückung als auch aus den realen Härten des Alltags erwächst.
Gerade die junge Generation hat die religiöse Sprache der Revolution vielfach hinter sich gelassen, ohne die moralische Struktur des Widerstands vollständig aufzugeben. Freiheit, Würde und Selbstbestimmung treten an die Stelle älterer Erlösungsbegriffe. Doch die Grundfrage bleibt vertraut: Wer herrscht legitim? Wer spricht im Namen der Gerechtigkeit? Und wann wird Gehorsam gegenüber der Ordnung selbst zur moralischen Schuld?
Darin zeigt sich die historische Tiefe der iranischen Krise. Die Proteste sind nicht nur Ausdruck einer sozialen und wirtschaftlichen Notlage. Sie sind Teil eines fortdauernden Ringens um die moralische Begründung politischer Ordnung. Der Konflikt zwischen Staat und Gesellschaft ist deshalb mehr als ein Machtkampf. Er ist ein Kampf um die Deutung der iranischen Geschichte.
Krieg und die Rückkehr der äußeren Bedrohung
Der im Frühjahr 2026 aufgeflammte Krieg zwischen Israel, den Vereinigten Staaten und dem Iran hat diese Dynamiken nochmals verändert. Aus westlicher Perspektive wurde vielfach erwartet, militärischer Druck werde das Regime nachhaltig schwächen und den Weg für innere Veränderungen öffnen. Tatsächlich spricht jedoch vieles dafür, dass sich zumindest kurzfristig der gegenteilige Effekt eingestellt hat – auch wenn das bisherige Staatsoberhaupt, Ali Chamenei, bei einem Luftangriff getötet worden war. Der Angriff erlaubte es der politischen Führung, den seit Jahrzehnten gepflegten Diskurs der äußeren Bedrohung zu erneuern und oppositionelle Stimmen leichter als Gefährdung der nationalen Sicherheit zu delegitimieren.
Im Iran besitzt die Erinnerung an fremde Interventionen große politische Kraft. Der Sturz des Präsidenten Mohammad Mossadegh 1953 unter Beteiligung britischer und amerikanischer Geheimdienste, die Erfahrung westlicher Unterstützung für den Schah, die Invasion durch den Irak im Ersten Golfkrieg 1980-1988 und die lange Geschichte von Sanktionen und äußerem Druck bilden einen Resonanzraum, in dem militärische Angriffe nicht neutral wahrgenommen werden. Externer Druck wird daher nicht automatisch als Unterstützung gesellschaftlicher Veränderung verstanden, sondern kann nationale Solidarität mit dem Staat fördern – selbst dann, wenn dieser Staat im Inneren abgelehnt wird.
Zugleich schafft der Krieg zusätzliche Legitimation für Überwachung, Verhaftungen und Einschränkungen politischer Freiheiten. Autoritäre Systeme profitieren häufig davon, wenn sie innenpolitische Konflikte als Teil eines äußeren Angriffs darstellen können. Im iranischen Fall verbindet sich diese Logik mit religiösen und historischen Erzählungen: Die Nation erscheint als belagerte Gemeinschaft, das Regime als Schutzmacht, die Opposition als potenzielle fünfte Kolonne.
Der bisherige Verlauf des Krieges hat zudem gezeigt, dass der Iran trotz erheblicher militärischer Verluste als regionaler Machtfaktor keineswegs verschwunden ist. Vieles spricht dafür, dass seine politische Bedeutung im Nahen Osten eher zugenommen als abgenommen hat. Das bedeutet nicht, dass das Regime heute stabiler oder innerlich stärker wäre als zuvor. Aber es zeigt, dass militärischer Druck allein nicht genügt, um eine Ordnung zu brechen, die sich seit Jahrzehnten auf Sicherheitsapparate, ideologische Deutung und regionale Netzwerke stützt.
Das iranische Paradox von Herrschaft und Widerstand
Die Widerstände sind Ausdruck einer tiefen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Krise. Zugleich zeigt die Entwicklung der vergangenen Jahre, dass autoritäre Herrschaft im Iran nicht allein von militärischer Stärke oder wirtschaftlichen Ressourcen lebt, sondern ebenso von historischen Deutungsmustern und moralischen Erzählungen. Gerade deshalb dürfte der jüngste Krieg das Regime innenpolitisch kaum entscheidend geschwächt haben. Im Gegenteil: Die Rückkehr einer akuten äußeren Bedrohung erleichtert es der Führung, Repression zu legitimieren und gesellschaftliche Opposition unter dem Vorwurf mangelnder nationaler Loyalität einzudämmen.
Wer den Iran verstehen will, muss deshalb historische Tiefenstrukturen ebenso berücksichtigen wie aktuelle Machtpolitik. Die Geschichte des Landes lehrt, dass politischer Wandel selten von außen erzwungen wird. Er entsteht aus den inneren Auseinandersetzungen um Legitimität, Gerechtigkeit und moralische Ordnung – Auseinandersetzungen, die den Iran seit Jahrhunderten prägen.
Darin liegt auch die politische Moral des iranischen Widerstands. Er speist sich nicht nur aus Not, Wut oder Verzweiflung, sondern aus einer langen Tradition, in der Macht immer begründet und Unrecht immer benannt werden muss. Das Regime hat diese Tradition für sich beansprucht. Doch gerade weil es dies getan hat, kann es ihr nicht entkommen. Wer im Namen der Gerechtigkeit herrscht, wird an Gerechtigkeit gemessen. Und wer Karbala zur Grundlage politischer Legitimität macht, muss damit rechnen, dass andere irgendwann fragen, wer in der Gegenwart der Unterdrückte ist – und wer der Unterdrücker.
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