Zu Ende gedacht?
Nullsummendenken in der Wirtschaft: Warum Wachstum oft unterschätzt wird
Moderne Volkswirtschaften zeigen: Wohlstand kann entstehen, wenn Produktivität, Innovation und Handel den wirtschaftlichen Kuchen vergrößern.
© hobonski/AdobeStock
Warum Trumps Wirtschaftsbild Wachstum unterschätzt
Donald Trump steht für viele politische Positionen. Eine der interessantesten ist weniger politisch als intellektuell: seine Vorstellung, dass wirtschaftliche Beziehungen im Kern ein Nullsummenspiel sind – also ein Modell, in dem der Gewinn des einen als Verlust des anderen erscheint. Wenn China gewinnt, verlieren die USA. Wenn ein Land exportiert, verliert ein anderes. Wenn Wohlstand entsteht, dann nur auf Kosten anderer. Diese Logik ist alt. Sie hat eine Tradition im Merkantilismus, der Wohlstand als begrenzte Größe versteht, um die Nationen konkurrieren.
Die Idee, das Nullsummenspiel bzw. die Spieltheorie auf die Ökonomie anzuwenden, stammt von John von Neumann und Oskar Morgenstern. Dort beschreibt sie Situationen, in denen der Gewinn des einen exakt dem Verlust des anderen entspricht. Schach. Poker. Klare Regeln, feste Summe. Aber die Spieltheorie bietet mehr Spielmodelle. Moderne Volkswirtschaften sind in weiten Teilen keine Nullsummenspiele. Sie sind Positivsummenspiele. Wohlstand entsteht durch Produktion, Innovation und Austausch – durch Produktivität, Arbeitsteilung und wirtschaftliche Dynamik. Der wirtschaftliche Kuchen wird größer.
Ein aktuelles Zitat aus prominentem Mund genau betrachten und auf seinen ökonomischen Gehalt prüfen: Das wollen wir mit unserer Reihe „Zu Ende gedacht?“ Wir analysieren regelmäßig, welche Botschaften Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft senden – und welche Schlussfolgerungen sich daraus ziehen lassen.
Nullsummendenken in Handel und Gesellschaft: Warum Wachstum nicht Verlust bedeuten muss
Genau deshalb konnten in den vergangenen Jahrzehnten weltweit sowohl extreme Armut deutlich zurückgehen als auch Vermögen und Wohlstand zunehmen. Gleichzeitig. Wer darin einen Widerspruch sieht, folgt der Nullsummenlogik, dass wirtschaftlicher Erfolg auf der einen Seite zwangsläufig Verlust auf der anderen Seite bedeutet. Wer die Welt als Nullsummenspiel betrachtet, sieht im Handel einen Verteilungskampf, im Vermögen einen Konflikt und im Wachstum oft nur die Neuverteilung bestehender Ressourcen. Der Gedanke, dass Wohlstand entstehen kann, tritt dabei in den Hintergrund. Dieser Deutungsrahmen reduziert Komplexität. Er sortiert die Welt in Gewinner und Verlierer. Er macht wirtschaftliche Entwicklung moralisch lesbar und politische Konflikte scheinbar einfacher erklärbar.
Donald Trump überträgt das Nullsummenspiel auf den internationalen Handel: Export als Sieg, Import als Verlust, Handelsdefizite als Beweis für Benachteiligung – eine Sichtweise, die Handelspolitik vor allem als Wettbewerb zwischen Staaten versteht. In anderen politischen Debatten erscheint dieselbe Logik innerhalb von Gesellschaften: Wenn Vermögen wächst, muss irgendwo anders etwas fehlen. Wenn Einkommen steigen, ist das automatisch ein Verteilungsproblem, weil es das Einkommen anderer schmälert.
Wachstum vor Verteilung: Warum der Kuchen größer werden muss
Die Perspektiven unterscheiden sich. Die Grundannahme oft weniger. Eine Gesellschaft, die Wohlstand als festen Vorrat denkt, wird sich vor allem mit seiner Verteilung beschäftigen. Eine Gesellschaft, die Wohlstand als etwas versteht, das geschaffen werden kann, richtet den Blick auf Wachstum, Innovation und Produktivität – und damit auf die Voraussetzungen künftigen Wohlstands. Beides gehört zusammen, Wachstum und die Sorge für faire Verteilung. Aber die gedankliche Reihenfolge prägt die Politik. Die moderne Wirtschaftsgeschichte erzählt keine Geschichte eines festen Kuchens.
Oder anders gesagt und zu Ende gedacht: Die entscheidende Frage ist nicht, wie groß die Stücke sind. Sondern ob wir überhaupt noch einen wachsenden Kuchen anstreben.
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