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Gedanken zu Pfingsten
Pfingsten und der Turmbau zu Babel: Warum echte Verständigung Verschiedenheit braucht

Autorin/Autor: Susanne Breit-Keßler

Pfingsten erzählt von der Sehnsucht, einander wirklich zu verstehen – über Unterschiede, Missverständnisse und Sprachgrenzen hinweg. Der Beitrag der Theologin und stv. HSS-Vorsitzenden Susanne Breit-Keßler zeigt, dass echte Gemeinschaft nicht durch Gleichmacherei entsteht, sondern dadurch, dass Menschen einander in ihrer Verschiedenheit verstehen lernen.

Lesen Sie den Beitrag "Pfingsten: Über die Sehnsucht, einander wirklich zu verstehen"

Pfingsten steht für die Sehnsucht der Menschen, einander wirklich zu verstehen – über Unterschiede, Missverständnisse und Sprachgrenzen hinweg.

Copyright: Vadym/AdobeStock

Größenwahn und Scheitern: Wenn der eigene Turm zusammenbricht

So ist es oft. Ein Mensch will sich einen Namen machen. Alleine oder gemeinsam mit Familie, Freunden, Kollegen, dem ganzen Volk. Da wird geplant, beraten, kontrolliert. Manchmal auch ganz spontan gehandelt. Man fühlt sich mächtig und unendlich stark. Die eigenen Pläne scheinen fehlerfrei, die Idee überwältigend, die Leistung unvergleichlich. Der Triumph ist unausweichlich. Schon mit Händen zu greifen die Ehrungen für die eigene Person, die Gruppe, die Nation. Völlig vergessen sämtliche Grenzen. Der Turm des persönlichen oder gemeinsamen Größenwahns wird größer. Bescheidenheit und Rücksicht ade. Eins kommt zum andern. Dann tut es einen dumpfen Schlag.
Alles kracht in sich zusammen. Wer sich in schwindelerregenden Höhen glaubte, tut einen tiefen Fall. Obwohl einem nichts verwehrt schien, er-tönt ein „Nein“ zu allen hochtrabenden Vorhaben. Den Oscar für den besten Film kriegt eine andere, obwohl man schon siegessicher Interviews gegeben hat. Der als selbstverständlicher Besitz betrachtete erste Tabellenplatz geht verloren. Nach einer Schlammschlacht gewinnt die gegnerische Partei die Wahl. Lange hat man im kleinen Kreis gemauschelt – aber man bekommt den angestrebten Posten nicht. Die Familie bricht auseinander, weil jeder seine eigenen Wege geht. Das Land versinkt im Wehgeschrei des Krieges, nachdem es vorher mit Fahnen hoch dem Diktator gefolgt ist.
 

Warum große Pläne oft an menschlichen Grenzen scheitern

So oft ein Turm in grandioser Selbstüberschätzung gebaut wird, so oft bricht er in sich zusammen – nur der Zeitraum vom „Aufmörteln“ bis zur Ruine ist unterschiedlich lang. Sicher wie das Amen in der Kirche fliegen einem irgendwann die Trümmer um die Ohren, dass einem Hören und Sehen vergeht. „Es ging doch alles gut, warum ging es denn schief?“ heißt der Titel eines Buches über das Scheitern von Beziehungen. Ja - warum ging´s denn schief, fragen sich viele Menschen. Eheleute kapieren überhaupt nicht mehr, was der andere will. Eltern versuchen vergeblich, einen Zugang zur Sprache ihrer Kinder zu bekommen – sie haben keine Ahnung, was in ihnen vor sich geht.
 

Sprachverwirrung im Alltag: Wenn Menschen einander nicht mehr verstehen

Familienmitglieder treffen sich zu einem Fest, und es bleibt beim oberflächlichen Small-Talk, Geschwätz, das nur ein Gefühl der Leere zurücklässt. Man begreift Gott und die Welt nicht mehr – und sich selbst am allerwenigsten. Geistreiches Denken, Reden und Handeln wird zum Problem - genauso wie ein wirkliches Verstehen. Manchmal hat man das Gefühl: Der liebe Gott ist damals, beim Turmbau zu Babel, so dreingefahren, dass wir bis zum Ende aller Zeiten darum kämpfen müssen, zu verstehen und verstanden zu werden. Selbst wenn wir die gleiche Sprache sprechen, bleibt manchmal völlig unklar, was wir selbst und andere wollen. Kurt Tucholsky hat geschrieben:
„Die Sprache? (. . .) aber das ist viel weniger als man glaubt; denn es gibt hundert Arten Deutsch, und ich glaube nicht, dass ein guter Schriftsteller und ein schlechter Richter dieselbe Sprache sprechen.“ (Deutschland, Deutschland über alles) Es gibt in jeder Sprache hundert Arten, sich aus-zudrücken, und in jeder Sprache immer wieder Missverständnisse, obwohl der Wortlaut eigentlich klar ist. Aber was ist gemeint? Die Jünger Jesu, alles Juden ohne besondere Ausbildung, stellen sich an Pfingsten hin, reden in ihrer aramäischen Muttersprache und werden von einem internationalen Publikum bestens verstanden. Für uns vielleicht nicht so sensationell.
 

Pfingsten erklärt: Verständigung trotz unterschiedlicher Sprachen

Mit technischem Verstand und einem einigermaßen funktionierenden Sprachgefühl wird so etwas heute von jeder Simultan-Dolmetscher-Anlage erledigt. Bei wichtigen Konferenzen ist es eine Selbstverständlichkeit, dass jeder Teilnehmer die Diskussionsbeiträge in seiner eigenen Sprache mitverfolgen kann. Darüber hinaus ist die Kommunikation, die Verständigung von Menschen untereinander, eine anerkannte Wissenschaft. Man kann Kommunikation studieren auf den Universitäten, es gibt Theorien dazu, wie sie entsteht und gelingen kann. Ganze Zweige der Industrie beschäftigen sich mit der Entwicklung und Herstellung modernster Kommunikationsgeräte.
 

Kommunikation heute: Warum Technik kein echtes Verstehen ersetzt

Ist die zwischenmenschliche Verständigung eine Selbstverständlichkeit geworden und die Pfingstgeschichte ein alter Hut? Eher nicht. Die Kommunikation unter uns funktioniert zwar, aber sie gelingt nicht immer. Der Ausstoß an Wörtern steht in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu dem Versuch, damit auch etwas zu sagen. Befinden wir uns auf dem Rückweg von Pfingsten nach Babylon, dem Ort der Sprachverwirrung? Aber halt – da gibt es noch mehr zu bedenken . . . Die Geschichte vom Turmbau erzählt nicht allein von Größenwahn und trauriger Sprachverwirrung. Und Pfingsten – das ist keinesfalls die Rückkehr zu vollendetem Gleichklang, zu ewiger Einheit und Gleichheit.
 

Die Gefahr falscher Einheit: Wenn Gleichklang zur Ideologie wird

Alle in Babel waren einer Meinung – der Turm muss her. Wenn eine Masse von Menschen den gleichen Plan, die gleiche Ideologie hat, ist das nicht immer gut. Das kann zur bewusstlosen Uniformität führen. Zu einer gemeinsamen, erträumten Grandiosität, die ganz und gar unmenschlich ist, weil sie das Individuum aus dem Blick verliert. Viehisches Verhalten ist die Folge: Das Leben des Einzelnen und das von fremden Gruppen ist nichts mehr wert, kann vernichtet werden. Wenn der gemeinsame Größenwahn in Stücke fällt, wenn die Schulterschluss-Mentalität zusammenbricht, dann merkt man: „Ich unterscheide mich von anderen. Ich verstehe sie nicht.“ Das hat eine gute, eine lebenswichtige Seite.
 

Individualität als Geschenk: Warum Verschiedenheit lebenswichtig ist

Der Gott, der dreinfährt, ist keiner, der ängstlich um seine Macht besorgt ist. Nein, er ist ein Aufklärer, einer, der dafür sorgt, dass der Gleichschritt aus dem Takt gerät. Die bis zum Exzess betriebene Unmündigkeit – wer blind und stumm einfach mitmarschiert, ist immer unmündig – geht in Trümmer. Die Geschichte vom Einsturz des Turms von Babel ist eine Geschichte, die auch davon erzählt, wie Menschen sich ihrer Individualität bewusst werden. Wie sie merken, dass sie ein eigenes „Ich“ haben, das in der Menge nicht untergehen darf und soll. Und Pfingsten ist nicht die Rückkehr in eine bewusstlose, verblendete und verblödete Einheit oder die Hinwendung zu einer hirnlosen Massenbewegung.
 

Pfingsten als Zeichen für Vielfalt, Nähe und gegenseitiges Verstehen

An Pfingsten wird der Unterschied zwischen Menschen und ihren Meinungen, zwischen ihren Phantasien und Ideen klar. Pfingsten erzählt von dem atemberaubenden Ereignis, dass Kinder, Mädchen und Jungen, Männer und Frauen sich dennoch verständigen und verstehen können – und dabei so faszinierend verschieden sein können und dürfen, wie Gott sie gedacht und gemacht hat. Mich begeistert dieser Gedanke: Mit anderen zusammen sein, mit ihnen gemeinsam denken, reden und handeln, sie fragen und sich hinterfragen lassen – und dabei nie die eigene Art, die Eigenart aufgeben müssen, die das Leben so wunderbar und bunt macht. Turmbau und Pfingsten sind wie zwei wichtige Phasen in der Geschichte von Verliebten.
 

Liebe, Streit und Verständigung: Was Pfingsten mit Beziehungen zu tun hat

Zuerst wird nur das Gemeinsame gesehen: Er fühlt wie ich, sie mag dieselbe Musik und liest dieselben Bücher, er lacht über Witze wie sie, sie hat die gleichen Vorlieben . . . Die gesamte Umwelt bekommt mit, dass die beiden eine rosarote Brille aufhaben und völlig symbiotisch leben, ganz und gar ineinander aufgehen. Dann kommt der erste Streit, die erste Erfahrung von Differenz. Der Turm kracht zusammen, er muss es. Jetzt kommt´s drauf an, ob Pfingsten wird. Ob die beiden ihr Anderssein akzeptieren und sogar genießen, ob sie sich erwachsen begegnen und einander immer wieder zu verstehen suchen – und damit wirklich lieben. Turmbau zu Babel und Pfingsten:
 

Das alltägliche Pfingstwunder: Sich verstehen, weil man verschieden ist

Jeder Mensch ist anders, jeder und jede erlebt sich im Gegensatz zu anderen – spürt auch Gegensätze in sich selbst, kann sich manchmal selber nicht verstehen. Es ist ein ganz alltägliches Pfingstwunder, das immer wieder geschieht: Ich komme in Einklang mit mir. Ich spüre, dass der andere sich von mir unterscheidet und finde ihn gerade deshalb anziehend. Ich weiß nicht, ob es überhaupt etwas Schöneres gibt, als sich zu verstehen, weil man verschieden ist. Gut, dass es immer wieder Pfingsten wird und Menschen aufeinander zugehen. Miteinander reden. Die menschliche Kommunikation ist einmalig.
 

Sprache als Gottesgeschenk: Wie Worte Welten erschaffen

Menschen können aus Buchstaben und Worten eine unendliche Zahl von Sätzen zusammenstellen – Sätze, die nie zuvor gedacht, gehört, gesprochen oder durch eine Zeichensprache ausgedrückt wurden. Ein Gottesgeschenk. Jeder, jede kann sich mit Worten und Sprachbildern eine Welt erträumen, von ihr erzählen. Kinder berichten von aufregenden Abenteuern, die sie in ihrer kleinen eigenen Welt erleben. Eltern erzählen ihren Söhnen und Töchtern wunderbare Geschichten zum Einschlafen und zum Vertreiben der Angst. Liebespaare erfreuen sich an ihren erotischen Phantasien. Filmemacher setzen zukünftige Welten in Szene. Regisseure und Schauspieler lassen Vergangenheit und Gegenwart in ihrem Spiel lebendig werden.
 

Nähe und Abstand: Warum Sprache Gemeinschaft und Differenz ermöglicht

Es ist ein Glück, dass die so monströs demonstrierte Einheit der Turmbaugeschichte zerschlagen worden ist. Es ist ein wahrer Segen, dass wir Menschen so einmalig und unterschiedlich sind, dass wir mit uns und unseren Gedanken allein sein und uns durch Worte mitteilen können. Es ist ein Geschenk, mit unserer Sprache Nähe ausdrücken und Gemeinsamkeit betonen zu können. Genauso kostbar ist es, wenn wir mit unseren Sätzen den nötigen Abstand zu anderen wahren und unsere Differenzen mit Gott und der Welt formulieren.
 

Pfingstglaube heute: Hoffnung auf neue Bewegung und lebendige Kommunikation

Der christliche Glaube ist immer realistisch und lässt einen zugleich hoffen, dass man mit Gottes Hilfe überwinden kann, was niederdrückt, taub, stumm, bewegungslos und blind macht. Das ist Pfingstglaube: Hart an der Wirklichkeit zu bleiben, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren – aber auch niemals einfach nur hinzunehmen, was diese Wirklichkeit ausmacht. Menschen bleiben oft stumm oder schwätzen nur – statt dass sie lachen und jubeln, verstehen und begreifen. Wenn man das wahrnimmt und bedauert, überschreitet man bereits die Grenzen, die man beklagt. Ja! Pflegen wir die Sehnsucht nach einem Pfingstfest, das in neue Bewegung versetzt. Ein Pfingstfest, bei dem Gott und sein wunderbarer Geist sehen, hören, tanzen und singen macht.

 

Über die Autorin: Susanne Breit-Keßler ist evangelische Theologin, Journalistin und Autorin. Sie war bis 2019 Regionalbischöfin für München und Oberbayern sowie Ständige Vertreterin des Landesbischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Heute ist sie stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung und Vorsitzende des Bayerischen Ethikrates.

 

Kontakt

Stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung: Susanne Breit-Keßler
Vorstand
Stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung