125 Jahre Hanns Seidel
Warmherzig und sozial verständig
Hanns Seidel wurde 1901 in Schweinheim bei Aschaffenburg geboren, er studierte Rechtswissenschaften, Germanistik und Volkswirtschaft unter anderem in Würzburg.
© (ACSP / Ph P: Seidel, Hanns: 13)
Ein solcher Erfolg war ihm nicht in die Wiege gelegt. 1901 in Schweinheim bei Aschaffenburg als zweites von sechs Kindern geboren, war sein Geburtsname eigentlich Franz Wendelin. Um Verwechslungen in der Verwandtschaft zu vermeiden, rief man den Buben jedoch bald „Hanns“. Hanns war sieben, als der Vater starb, die Mutter hatte die Kinder nun alleine zu versorgen – die materiellen Verhältnisse im Hause Seidel müssen bedrückend gewesen sein. Trotzdem durfte der begabte Sohn das Gymnasium besuchen und danach studieren, wegen der materiellen Nöte musste er dafür jedoch arbeiten. So kam es, dass er unter anderem als Zigarettenverkäufer, als Nachhilfelehrer oder gar als Hauer in einem westfälischen Bergwerk seine Ausbildung selbst finanzierte. Sein Studium der Rechtswissenschaften, Germanistik und Volkswirtschaft in Würzburg, Freiburg und Jena schloss er 1925 ab. Danach folgten Referendariat und Promotion, 1929 gründete der Rechtsanwalt Seidel in Aschaffenburg seine eigene Kanzlei.
Anfang der 1930er Jahre begann er, sich politisch zu engagieren. Er trat als Gegner der Nationalsozialisten auf, wurde Mitglied in der Bayerischen Volkspartei und kandidierte 1933 für den Aschaffenburger Stadtrat. Dieses Amt konnte er jedoch nicht mehr ausüben, weil auch der Stadtrat nach der Machtübernahme der NSDAP gleichgeschaltet wurde. Da er als Rechtsanwalt auch jüdische Klienten vertrat, war er beruflichen Beschränkungen und Verfolgung ausgesetzt. Im Juni 1933 wurde er vorübergehend verhaftet und entkam danach nur durch die Flucht ins Ausland einer Internierung in ein Konzentrationslager. Einige Monate später konnte er zurückkehren und wieder als Rechtsanwalt in Aschaffenburg arbeiten. Da er eine Familie zu ernähren hatte, vermied er nun die direkte Konfrontation mit dem NS-Regime. Im Herbst 1940 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und erlebte bis 1945 als Soldat an der Ostfront den zweiten Weltkrieg und den Untergang des Dritten Reichs. Nach kurzer amerikanischer Gefangenschaft kehrte er zurück in das kriegsversehrte Aschaffenburg, nahm seine Tätigkeit als Anwalt wieder auf und spezialisierte sich auf Wirtschaftsfragen.
Hanns Seidels politische Karriere nach 1945
Zeitungsannonce in der Aschaffenburger Zeitung vom 17. August 1929 zu Seidels Kanzleieröffnung.
© (ACSP/NL Seidel Hanns: 97)
Viele Städte lagen nach Kriegsende in Trümmern; überall herrschte Wohnungsnot, Hunger und Arbeitslosigkeit. Auch die Verwaltungsstrukturen waren zusammengebrochen und mussten neu aufgebaut werden, wofür die amerikanischen Militärbehörden politisch Unbelastete suchten. So wurde Hanns Seidel am 11. Oktober 1945 zum Landrat bestellt und in diesem Amt in den ersten demokratischen Wahlen am 28. April 1946 bestätigt.
Auch wenn Seidel sich schon vor dem Krieg politisch engagiert hatte, erst mit diesem Amt begann seine politische Karriere von ganz erstaunlicher Rasanz. 1946 wurde er zunächst in die Verfassunggebende Landesversammlung, und dann – bei der ersten Landtagswahl am 1. Dezember 1946 – in den Bayerischen Landtag gewählt. Schon im September 1947 berief ihn Ministerpräsident Hans Ehard als Wirtschaftsminister in sein Kabinett. Der unterfränkische Landrat war damals zwar für die breite Öffentlichkeit noch ein Unbekannter, innerparteilich hatte er sich aber bereits durch saubere Analysen und klare Positionen als politisches Talent profiliert.
Mit Schreiben vom 11. Oktober 1945 ernennt die Amerikanische Militärbehörde Hanns Seidel zum Landrat.
© (ACSP/NL Seidel Hanns: 26)
Als Wirtschaftsminister war Seidel mit großen wirtschaftlichen Problemen konfrontiert. Besonders drängend war die Bewältigung des allgegenwärtigen ökonomischen Mangels, die Integration der fast zwei Millionen Vertriebenen aber auch die Durchsetzung bayerischer Interessen im Kreis der Länder und der zentralen Wirtschaftsverwaltung. Sieben Jahre lang setzte sich der Wirtschaftsexperte unermüdlich für den Wiederaufbau Bayerns ein, mit beachtlichem Erfolg: Durch die systematische Förderung des Mittelstands und der Industrie erholte sich die bayerische Wirtschaft rasch und es entstanden Arbeitsplätze. Die günstigen Bedingungen brachten viele Industriebetriebe nach Bayern, die in der Sowjetischen Besatzungszone von Verstaatlichung bedroht waren. Bayern war auf dem besten Weg vom Agrar- zum Industriestaat. Im Zeitraum zwischen 1950 und 1953 stieg der Gesamtumsatz der Industrie um 59 Prozent, die bayerische Exportwirtschaft sogar um 173 Prozent. Dazu trieb Seidel den Ausbau der Energiewirtschaft und Wiederaufbau der Verkehrsinfrastruktur voran, insbesondere ist hier die Wiederaufnahme der Bautätigkeiten am Rhein-Main-Donaukanal zu nennen.
Seine Fähigkeit, Parteibasis und Bevölkerung die Ursachen und Lösungen der wirtschaftlichen Probleme zu erläutern, schuf Vertrauten in die Kompetenz und Handlungsfähigkeit der Regierung in so schweren Zeiten. Bald galt Hanns Seidel bei Kennern der Partei als der kommende Mann der CSU, und auch überregional erregte sein politisches Talent Aufmerksamkeit. Es folgten Angebote, in die Bundespolitik zu wechseln, insbesondere von Konrad Adenauer, der nachdrücklich um ihn warb – vergeblich, denn Seidel sah seinen Platz in Bayern. Das sollte sich als ein glücklicher Umstand erweisen, denn als sich 1954 die politischen Ereignisse überstürzten, waren seine Kompetenz und Autorität in der Partei längst gefestigt und unangefochten.
Die CSU trauert um Hanns Seidel, Todesanzeige.
© (ACSP/NL Seidel Hanns: 76)
In diesem Jahr gewann die CSU die Landtagswahl, musste aber unerwartet auf die Oppositionsbank, nachdem die Koalitionsverhandlungen gescheitert waren und die SPD mit der Bayernpartei, der FDP und dem GB/BHE (Gesamtdeutscher Block / Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten) eine Viererkoalition bildete. Ministerpräsident wurde Wilhelm Hoegner von der SPD. Die CSU stand schockiert vor einem Scherbenhaufen, es folgten parteiintern harte Konsequenzen mit personellen und organisatorischen Veränderungen. Hanns Seidel, der klar, sachlich und durchaus scharf argumentieren konnte, wurde Oppositionssprecher und faktisch Oppositionsführer. Nach dem Rücktritt von Hans Ehard konnte sich Seidel gegen Franz Josef Strauß in einer Kampfabstimmung um das Amt des Landesvorsitzenden behaupten.
Der neue Vorsitzende reformierte die Partei grundlegend. Er begrenzte den Einfluss des erzkonservativ-katholischen Parteiflügels zugunsten einer jungen, liberaleren und pragmatischen Generation von Politikern. Mit dem neuen Landesgeschäftsführer Friedrich Zimmermann erneuerte Seidel auch die Organisationsstruktur der Partei und brachte die CSU auf den Weg zu einer modernen Massenpartei. Wichtigste Maßnahmen waren hier vor allem der Ausbau des Netzes der Bundeswahlkreisgeschäftsstellen zur Verbesserung der parteiinternen Kommunikation, der Pressearbeit und die Überarbeitung des längst veralteten Grundsatzprogramms.
Seidels Maßnahmen zeigten bald Wirkung. Die Partei modernisierte und konsolidierte sich, mit einem stetigen Zuwachs an Mitgliedern war sie bald auf dem Weg zur Volkspartei. Als 1957 die Viererkoalition zerbrach, stand die CSU als schlagkräftige, straff organisierte Organisation bereit. Als längst unangefochtener Anführer der CSU übernahm Hanns Seidel das Amt des Ministerpräsidenten.
Hanns Seidel als Bayerischer Ministerpräsident
Der neue Ministerpräsident stand vor zahlreichen politischen Herausforderungen, sicher eine der größten war die Diskussion um die Frage der Lehrerbildung. 1957 war diese in weiten Teilen öffentlich und erbittert geführte Debatte festgefahren, zu groß waren die weltanschaulichen Gegensätze der beteiligten Parteien. Bei der Lösung des Problems setzte Seidel auf Konsens, nicht auf Konfrontation, die christlichen Kirchen verstand er als Partner, nicht als Gegner. Dank seines großen Verhandlungsgeschicks konnte er schon 1958 einen pragmatischen Kompromiss erzielen, der vorsah, dass die Ausbildung der Lehrer künftig an einer Hochschule erfolgen sollte. Die Studenten waren nun nur noch in bestimmten Grundsatzfächern zu konfessionsgebundenem Unterricht verpflichtet.
Daneben galt es, den unausgeglichenen Staatshaushalt zu konsolidieren. Schulden und Haushaltslöcher belasteten die Handlungsfähigkeit der neuen Staatsregierung. Hier schuf die Aufnahme von Krediten und Anleihen Abhilfe, mit Erfolg, denn im Rechnungsjahr 1958 waren die Einnahmen und Ausgaben bereits ausgeglichen.
Dagegen stellte der geplante Bürokratieabbau ein weitaus schwerer zu lösendes Problem dar. Für eine umfassende Staatsvereinfachung wäre eine Verfassungsänderung notwendig gewesen, für die es aber keine Mehrheit gegeben hätte. Auch eine territoriale Neugliederung und eine geplante Verringerung der Landtagsmandate stieß naturgemäß im Landtag auf Widerstand. So blieb es bei der Umstrukturierung und Rationalisierung einzelner Behörden, eine umfassende Gebietsreform sollte erst unter Alfons Goppel realisierbar werden.
Der Mensch Hanns Seidel
Fleiß, Nüchternheit, Sachkompetenz, Toleranz und Bescheidenheit, das sind die Attribute, die schon zu Lebzeiten am häufigsten mit Hanns Seidel verbunden wurden. Schon in seiner Zeit als Wirtschaftsminister hatte er hohe Ansprüche an die Amtsführung eines Ministers. Er absolvierte hunderte Veranstaltungen, auf denen er Reden und Grußworte hielt. Daneben studierte er fleißig und akribisch Akten, um über die Sachverhalte, die man ihm vorlegte, selbst kompetent urteilen zu können. So war sein politisches Handeln stets geprägt von Sachkenntnis und nüchtern vorgetragenen Argumenten, ganz ohne persönliche Angriffe und Diffamierungen auf den politischen Gegner. Aus dem politischen Ränkespiel hielt sich Seidel klug raus, er stand über den Konflikten und erlangte so Autorität als Vermittler, bald galt er als Mann des Ausgleichs. Er konnte zwar auch polemisieren, dabei ging es ihm aber immer um die Sache, die Lösung des Problems. Nach den Jahren der parteiinternen, heftigen Flügelkämpfe kam dieser neue, sachliche Politikstil gut an, nicht nur in der Politik, sondern auch in der Bevölkerung. Beliebt war Seidel aber nicht nur wegen seiner Sachlichkeit, sondern auch wegen seines Talents, komplizierte Sachverhalte zu erklären, eine Fähigkeit, die er als Anwalt gelernt hatte.
Er galt als bescheiden, ja auf den ersten Blick sogar als spröde und verschlossen. Dass das nur vordergründig so war, davon berichteten die, die ihn näher kannten, und die ihn im persönlichen Umgang als warmherzig und sozial verständig beschrieben. Die Werte, die er in seiner Kindheit in einem katholischen und humanistischen Umfeld erfahren hatte, hatten ihn tief geprägt. Stets war er der Überzeugung, dass politisches Handeln letztendlich auch vor Gott verantwortet werden müsse. Toleranz war ihm wichtig, als Katholik und Anhänger des liberal-konservativem Parteiflügels bestand er darauf, die Partei auch Menschen anderer Weltanschauung zugänglich zu machen.
Literaturhinweise:
- Groß, Hans Ferdinand: Hanns Seidel 1901-1961. Eine politische Biographie (Untersuchungen und Quellen zur Zeitgeschichte 1, 1992)
- Deutinger, Stephan und Höpfinger, Renate (Hsg.): Hanns Seidel. Aufbruch in eine neue Zeit (2021)
- Weitere Informationen finden Sie auf unserem Webportal
- Lesen Sie hier das Zeitzeugeninterview mit dem Sohn Prof. Dr. Christian Seidel
Zum Beitrag “Im Gespräch mit . . . Generalsekretär Dr. Stefan Ebner zu Hanns Seidel” Beiträge zu Hanns Seidel Themenportal Staat, Politik und seine BürgerVeranstaltungen zum Thema Demokratie
Kontakt