Klimawandel
Warum wir Schwammstädte brauchen
Der Wasserkreislauf besteht vereinfacht aus Niederschlag, Versickerung, Zufluss zu den Bächen, Flüssen und Seen beziehungsweise Meeren, Verdunstung, Wolkenbildung und erneutem Niederschlag. So weit so gut. Und doch verschiebt sich etwas in dem Gefüge.
Infolge des Klimawandels verändert sich der jahreszeitliche Niederschlag. Auch Extremereignisse nehmen an Häufigkeit und Intensität zu: Deutschland erlebt regelmäßig Hitzewellen und Dürreperioden oder Tage mit Starkregen, Hochwasser und Überschwemmungen.
Das lässt sich durch die Erderwärmung erklären. Seit Beginn der systematischen Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 ist die durchschnittliche Temperatur in Deutschland bereits um 1,7 Grad Celsius angestiegen (siehe Deutscher Wetterdienst). Bei einer Erwärmung von einem Grad kann die Luft sieben Prozent mehr Wasser aufnehmen, das heißt die potenzielle Niederschlagsmenge steigt. Zugleich sind die Luftströme gestört, Großwetterlagen werden immer beständiger. So können Tiefdruckgebiete länger an einem Ort verharren und dort reichlich Wasser aufnehmen (wie über dem Mittelmeer) beziehungsweise abregnen (wie über Mittel- und Osteuropa).
Der Wasserhaushalt wird aber auch massiv von unserer Art der Landnutzung beeinflusst, etwa durch verdichtete Böden und die Ausbreitung von Siedlungs- und Verkehrsflächen. Auf diesen Flächen fließt das Regenwasser oftmals an der Oberfläche ab, ohne in das Erdreich einsickern und zur Grundwasserbildung beitragen zu können.
Starkregen und Hitze – Schutzmaßnahmen erforderlich
Was Extremwetter anrichten kann, hat sich allein im Jahr 2024 in Teilen Deutschlands mehrmals gezeigt: Dauerregen und Hochwasser Anfang Januar in Niedersachsen. Mitte Mai wurden dann das Saarland sowie Teile von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg von starken Regenfällen heimgesucht, die zu Überschwemmungen und Erdrutschen führten. Anfang Juni kam es in Baden-Württemberg und Bayern zu sintflutartigen Regenfällen und Hochwasser, mehrere Kommunen riefen den Katastrophenfall aus. In den Jahren davor hingegen (2018-2020, 2022-2023) gab es Hitzewellen, mehrere Landkreise riefen im Sommer 2023 den „Wassernotstand“ aus, denn die kostbare Ressource wurde knapp.
Gerade (größere) Städte sind aufgrund ihrer dichten Bebauung, des hohen Versiegelungsgrads und fehlender Frischluftschneisen stark betroffen und heizen sich an manchen Stellen regelrecht auf. Die Temperatur kann in solchen „Hitzeinseln“ um bis zu zehn Grad Celsius höher sein als im direkten Umland.
Die Idee der „Schwammsiedlung“
Um Siedlungen gegenüber Sturzflutabflüsse wie auch Hitze zu wappnen, müssen sie wieder stärker vom Wasser hergedacht werden, man spricht hier von „klima- und wassersensibler Planung“ oder plakativ von „Schwammstädten“, die wie ein Schwamm Regen aufnehmen und wieder abgeben und somit Extremsituationen in beiden Richtungen (Regen und Dürre) abmildern.
Das erfordert allerdings ein Umdenken, denn lange galt das Leitbild, das Wasser möglichst schnell in die Kanalisation in den Untergrund und aus der Stadt abzuleiten. Nun gilt es, das Regenwasser über Versickerungs-, Rückhalte- und Speichermöglichkeiten möglichst zu halten. Eine der wichtigsten Lösungen: Asphalt und Beton durch Bäume und Grünflächen ersetzen, denn der beste Schwamm ist der Boden.
Mögliche Maßnahmen hierzu sind:
- befestigte Flächen wo möglich entsiegeln, wasserdurchlässige Beläge verwenden;
- mehr „Grün“ zulassen wie zum Beispiel Grünstreifen, Bäume, Dach- und Fassadenbegrünung;
- begrünte Mulden und Rigole für die Wasserrückhaltung integrieren: Das Wasser wird dort kurzfristig eingestaut und hat mehr Zeit zur Versickerung;
- Regenwasser in Zisternen speichern;
- „multifunktionale Flächen“ gestalten wie zum Beispiel einen Sportplatz, auf den in Notsituationen das Wasser geleitet wird.
Hier wird deutlich, welche wichtige Funktion Grünstrukturen – und hier vor allem Bäume – in der Stadt haben: Sie unterstützen den natürlichen Wasserkreislauf durch Speicherung und Verdunstung. Sie spenden Schatten und sorgen durch Verdunstungskühlung für ein gesünderes „Stadtklima“. Leider sind Bäume in der Stadt oft extremen Belastungen ausgesetzt. Sie haben vor allem ein Platzproblem, das gilt nicht nur für den Standort an sich, sondern auch für die Ausbildung der Baumkrone und des Wurzelwerks.
Elemente und Funktionen einer Schwammsiedlung
DWA LB Bayern; HSS; DWA LV Bayern, https://www.schwammstadt.bayern/ziele
Solche Maßnahmen lassen sich bei Neuausweisungen von Bebauungsgebieten leichter umsetzen als auf bereits bebauten Flächen, wo sie aber gleichermaßen notwendig sind. Am besten ist es dabei, wenn sich Stadt- und Verkehrsplanung, Umwelt- und Grünflächenamt sowie Stadtwerke aufeinander abstimmen. Die bewusste Integration von grüner und blauer Infrastruktur, also Grün- und Wasseranlagen, trägt nicht nur zum Schutz vor Sturzfluten, Hochwasser und Hitze bei, sondern auch zur Lebensqualität in unseren Städten und Gemeinden.
Wichtig ist, tätig zu werden. Auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherer ruft zu Präventionsmaßnahmen auf. Auf ihrer Website verweisen sie auf amtliche Zahlen, nach denen in Deutschland mehr als 300.000 Adressen von Hochwasser bedroht sind (65.500 in Bayern). Gebäude in Überschwemmungsgebieten müssten daher besonders geschützt werden. Das geht oft nur durch zusätzliche Maßnahmen wie Deiche und Dämme, über wasserfest erbaute Elemente in Gebäuden und Infrastrukturen (zum Beispiel gut abgedichtete Keller) – aber schlichtweg auch über ein klares Bauverbot in gefährdeten Flächen, wie der Verband fordert.
Info-Broschüren
Bayerisches Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz (2020): „Wassersensible Siedlungsentwicklung“. Der Leitfaden richtet sich an Planende und Gemeinden und zeigt Zusammenhänge, Lösungsansätze sowie praktische Beispiele auf.
Bayerisches Landesamt für Umwelt (2018): „Hochwasser-Eigenvorsorge: Fit für den Ernstfall“. Das Infoblatt verweist auf Maßnahmen und Infoportale zum eigenen Schutz vor Hochwasser.
Internet-Adressen:
Karten, die Gefahren aus Überschwemmung oder hohen Grundwasserständen zeigen (nicht flächendeckend)
Karten und Checklisten rund um das Thema Hochwasser
https://www.stmwi.bayern.de/wirtschaft/elementarschadenversicherung/
Wissenswertes zum Thema Elementarschadensversicherung
Forderungen und Infos von Verbänden, die kooperieren, um klima- und wassersensibles Planen und Bauen voranzubringen
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