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Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus
Der teuflische Zenit alles Bösen

Vor 25 Jahren wurde der 27. Januar zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. Wir nehmen diesen Gedenktag zum Anlass, an die Hintergründe und die Entstehungsgeschichte zu erinnern – und vor dem Wiedererstarken des linken, rechten und religiösen Antisemitismus heute zu warnen. Denn ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft.

Das Konzentrationslager Auschwitz ist das Symbol für den Holocaust. Über eine Million Menschen wurden hier ermordet, weil sie Juden waren. „Auschwitz war“, so der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, „der teuflische Zenit alles Bösen, zu dem Antisemitismus führen kann.“ Am 27. Januar 1945 wurden die noch angetroffenen 7000 überlebenden Häftlinge von sowjetischen Soldaten befreit. Trotz medizinischer Hilfe verstarben in den folgenden Tagen noch viele von ihnen. Mit Recht proklamierte vor 25 Jahren Bundespräsident Roman Herzog diesen 27. Januar auf Bitten des Bundestages zum nationalen Gedenktag. Über den konkreten Anlass hinaus wird an diesem Tag seitdem mit Gedenkveranstaltungen, Ausstellungen, Konferenzen und Gebeten an die Millionen von Menschen erinnert, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entrechtet, verfolgt und ermordet wurden.

Knobloch blickt in die Kamera

Charlotte Knobloch über den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus: "Er ist ein Anker der Erinnerung und gemahnt jährlich wieder an die Millionen von Opfern, derer wir 365 Tage im Jahr gedenken sollen. Dieses Gedenken nicht nur als politischen Akt zu verstehen, sondern für jeden Einzelnen greifbar zu machen, ist eine große gesellschaftliche Aufgabe, die längst nicht abgeschlossen ist."

Michael Thaidigsmann; cc4.0; Wikimedia Commons

Ohne Erinnerung keine Zukunft

„Die Erinnerung an die Opfer der Schoa ist Aufgabe der gesamten Gesellschaft“, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, auf Nachfrage der Hanns-Seidel-Stiftung: „Indem wir uns erinnern, entreißen wir nicht nur die Entrechteten, Gejagten, Deportierten und schließlich Ermordeten dem Vergessen. Wir geben ihnen auch ein Gesicht, ihre Würde und ihre Geschichte zurück. Daher ist es wichtig, dass es mit dem 27. Januar einen zentralen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus gibt. Ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft.“

In ähnlicher Weise ordnet auch die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. h.c. Charlotte Knobloch, die wie keine andere Persönlichkeit das jüdische Leben in der Landeshauptstadt München bis heute geprägt hat, das nationale Gedenken in ein größeres Bild ein: „In den 25 Jahren seines Bestehens hat sich der 27. Januar als zentrales Gedenkdatum durchgesetzt. Er ist ein Anker der Erinnerung und gemahnt jährlich wieder an die Millionen von Opfern, derer wir 365 Tage im Jahr gedenken sollen. Dieses Gedenken nicht nur als politischen Akt zu verstehen, sondern für jeden Einzelnen greifbar zu machen, ist eine große gesellschaftliche Aufgabe, die längst nicht abgeschlossen ist“, so Knobloch. „Ich bin deshalb dankbar, dass gerade Institutionen der Zivilgesellschaft wie etwa die Hanns-Seidel-Stiftung weiter dazu beitragen, die Erinnerung wachzuhalten und so die Grundlage für unser demokratisches Gemeinwesen zu sichern.“

Die Initiative für die Einführung eines nationalen Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus war vom damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, ausgegangen, den die Berliner Zeitung einmal als „Missionar eines toleranten Zusammenlebens von jüdischen und nichtjüdischen Deutschen“ beschrieben hat. Seit 1994 hatte er wiederholt für einen eigenen Gedenktag an einem „europäischen Datum“ plädiert, denn seiner Ansicht nach war das „deutsche Datum“ des 9. November dafür ungeeignet, das auch zur Debatte stand, da es zu viele unterschiedliche Bezüge zur deutschen Geschichte aufweise. Der von ihm vorgeschlagene 27. Januar wurde zunächst allerdings zum Teil heftig kritisiert: unter anderem mit dem Vorwurf von Opfergruppen, Deutschland würde mit der Wahl des sowjetischen Befreiungsdatums von Auschwitz von der eigenen Schuld ablenken und sich nachträglich an die Seite der Opfer und Befreier stellen wollen. Dann erhielt der Vorschlag aber zunehmend überparteiliche politische Unterstützung. Mit dazu beigetragen haben dürften die großen internationalen Gedenkfeiern zum Ende des Zweiten Weltkriegs, die nach der politischen Zeitenwende von 1989/1990 erstmals von der Staatengemeinschaft gemeinsam begangen werden konnten.

So kam es schließlich 1996 zur Erklärung des 27. Januar zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ durch Bundespräsident Roman Herzog mit den Worten: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“

Demokratiefeindschaft, Extremismus, Verachtung des Rechtsstaats

Diese Gefahr scheint durch das zunehmende Wiedererstarken des linken, rechten und religiösen Antisemitismus im Land der Schoa in unseren Tagen wieder größer geworden zu sein. Auf diese Entwicklung blickt der Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe, Dr. Ludwig Spaenle MdL, mit großer Sorge: „Am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus sollten wir den Blick auch auf den Beginn des nationalsozialistischen Regimes richten. Demokratiefeindschaft, Extremismus und Verachtung des Rechtsstaats ebneten einer menschenverachtenden Ideologie den Weg."

Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, der Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner, ergänzt: „Gerade in diesen Zeiten, wo Unsicherheiten und Populismus zunehmen, ist die Arbeit der Hanns-Seidel Stiftung und ihres neugegründeten Kompetenzzentrums Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Interkultureller Dialog so wichtig, um die tiefen Gräben in Gesellschaft und Politik zu überwinden, den grassierenden Antisemitismus zurückzudrängen und für mehr Verständigung zu werben. Es braucht heilende Kräfte in Politik und Gesellschaft, aber auch den Glauben und die Kraft G'ttes, um sie in diesen schwierigen Zeiten wieder zu vereinen.“

Im Jubiläumsjahr anlässlich 1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland stimmt die Hanns-Seidel-Stiftung mit den Worten des amtierenden Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier überein, dass wir dankbar sein dürften, dass sich jüdisches Leben in Deutschland heute in großer Vielfalt entwickelt. Dieses jüdische Leben „wollen, müssen und werden wir gemeinsam schützen“ gegen Hass, Ressentiments, giftige Ideologien und Gewalt. Deutschland ist für uns alle nur dann ein Zuhause, wenn auch Jüdinnen und Juden sich hier zu Hause fühlen. Daran gilt es immer wieder mit Worten und Taten zu erinnern – am Gedenktag des 27. Januar, wie auch an allen anderen Tagen des Jahres. 

Autor: Dr. Philipp Hildmann, HSS

Eine ausführlichere Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ finden Sie hier

Interviews der Hanns-Seidel-Stiftung mit der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. h.c. Charlotte Knobloch, mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, sowie dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe, Dr. Ludwig Spaenle MdL, zum Antisemitismus in Deutschland und wie man mit politischer Bildung entgegenwirken kann finden Sie hier:

Interreligiöse Videointerviewreihe der Hanns-Seidel-Stiftung „Religion Matters“ mit Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt

Kontakt
Leiter: Dr. Philipp W. Hildmann
L3: Kompetenzzentrum Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Interkultureller Dialog
Leiter:  Dr. Philipp W. Hildmann
Telefon: 089 1258-492
E-Mail: hildmann@hss.de