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Deutschlands erste Weltraumsicherheitsstrategie
Abschreckung, Verteidigung und Resilienz im Weltraum

Autorin/Autor: Andrea Rotter, M.A.

Wie im Koalitionsvertrag angekündigt, haben das Bundesministerium der Verteidigung und das Auswärtige Amt erstmals eine Weltraumsicherheitsstrategie für Deutschland vorgestellt. Sie benennt zentrale sicherheitspolitische Herausforderungen und definiert strategische Handlungsfelder, um Deutschlands Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit im Orbit gezielt zu stärken.

Deutschland will seine Handlungsfähigkeit im Weltraum „im Frieden, in Krisensituationen und im Verteidigungsfall“ sichern – so lautet das ambitionierte Ziel von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und Außenminister Johann Wadephul (CDU) im Vorwort von Deutschlands erster Weltraumsicherheitsstrategie.

Satellit aus dem Bereich Telekommunikation für ein globales Internetnetz und Hochgeschwindigkeitsdatenkommunikation über Europa.

Adobe Stock/Nico El Nino

Überfälliger Meilenstein

Das Strategiepapier, das im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD explizit als Ziel festgehalten ist, markiert einen wichtigen Meilenstein für Deutschlands Rolle in der internationalen Weltraumsicherheit: Bereits 2021 wurde unter Verantwortung der Luftwaffe ein Weltraumkommando der Bundeswehr geschaffen, 2023 betonte die Nationale Sicherheitsstrategie der Ampel-Koalition die „strategische Bedeutung des Weltraums“. Erst im September 2025 kündigte Verteidigungsminister Pistorius Investitionen von 35 Milliarden Euro bis 2030 in Deutschlands Fähigkeiten und seine Sicherheitsarchitektur im Weltraum an. 

Mit der Weltraumsicherheitsstrategie legt Berlin das strategische Fundament für sein künftiges Verhalten im All wie bereits seine zentralen Partner USA, Frankreich und Großbritannien zuvor. Die Vorstellung der Strategie ist ein notwendiger und überfälliger Schritt. Denn: Es könnte Angriffe auf Weltraumsysteme geben sowie Angriffe aus dem Weltraum, die den NATO-Verteidigungsfall nach Artikel 5 auslösen. Außerdem wird berichtet, Russland könnte an einer nuklear bestückbaren Antisatellitenwaffe arbeiten. Das Land hat bereits angedroht, auch kommerzielle Satelliten ins Visier zu nehmen.

Bedeutungswandel: Dimension Weltraum

Anlass für Deutschlands verstärktes Engagement im All sind der Wandel der Weltraumnutzung und eine Vielzahl sicherheitspolitischer orbitaler Herausforderungen. Die digital vernetzten Gesellschaften und modernen Streitkräfte sind auf weltraumbasierte Fähigkeiten wie satellitengestützter Kommunikation, Navigation, Erdbeobachtung und Aufklärung angewiesen. Und es drängen immer mehr staatliche und private Akteure wie Elon Musks Starlink in den Weltraum, weshalb nicht nur die Objektanzahl im Orbit, sondern auch das Kollisions- und Konfliktpotential im Weltraum zunimmt. 

Der strategische Wettbewerb, der auf der Erde zwischen den USA, China, Russland und weiteren Mächten stattfindet, setzt sich auch im Weltraum fort. Weltweit fördern Staaten ihre heimischen Weltraumindustrien und die zivile Raumfahrtforschung, konkurrieren um verfügbare Orbits und Frequenzen und modernisieren ihre militärischen Weltraumprogramme. Das bestehende Völkerrecht, das größtenteils auf dem Weltraumvertrag von 1967 basiert, kann den Rüstungswettlauf kaum einbremsen.

Die Weltraumsicherheitsstrategie definiert den Weltraum als „Austragungsort strategischen Wettbewerbs und globaler Machtprojektion“. Sie skizziert ein realistisches Bedrohungsumfeld, indem sie auf das Verhalten zentraler Länder wie Russland, China, Nordkorea und Iran eingeht und die Bandbreite der Counterspace-Technologien thematisiert, die zum Teil bereits erprobt und eingesetzt werden. Generell sollen diese Technologien dem Gegner Zugang oder Nutzung seiner Weltraumsysteme verwehren. 

Die Strategie wendet den Blick auf längerfristige Entwicklungen, die schon heute strategisch relevant sind: der Ressourcenabbau auf dem Mond und weiteren Himmelskörpern sowie der Raum zwischen Mond und Erde (cislunarer Raum), wofür sich die großen Weltraummächte bereits heute in Stellung bringen.

Kritische Abhängigkeiten

Wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und der transatlantischen Beziehungen, die sich neujustieren, hält die Strategie fest, dass Deutschland und Europa auch im Weltraum mehr Verantwortung übernehmen müssen – sowohl um zu einer ausgewogeneren Lastenverteilung innerhalb der NATO beizutragen als auch um kritische Abhängigkeiten zu reduzieren. Denn die jüngste Debatte über eine mögliche Abschaltung von Starlink-Diensten für die Ukraine unter der Trump-Administration hat den Europäern deutlich vor Augen geführt, dass starke Abhängigkeiten auch für die europäische Sicherheit problematisch sein könnten.

Weltraumsicherheit als gesamtstaatliche Aufgabe

Neben den militärischen Anforderungen für die Bundeswehr hebt sie ausdrücklich die Bedeutung ziviler, wissenschaftlicher und kommerzieller Akteure hervor. Deutschland verfügt über exzellente industrielle und wissenschaftliche Voraussetzungen, um sich im Wettbewerb um weltraumbezogene Schlüsseltechnologien erfolgreich zu positionieren. Dies ist wichtig, weil die Weltraumtechnologie von Natur aus meist „dual-use“, also zivil wie militärisch nutzbar, ist. Für die Weltraumsicherheit reicht es daher nicht aus, nur die militärische Perspektive zu beleuchten. Auch der Privatsektor und die zivile Forschung spielen eine essentielle Rolle für die Innovation und den Ausbau von Fähigkeiten der nationalen Sicherheitsvorsorge. 

Gleichzeitig erkennt die Strategie an, dass wegen der Komplexität und der Einbindung unterschiedlicher Akteure auch ein hoher Koordinierungsbedarf besteht. Die Aufwertung des bisherigen „Ressortkreises Weltraumsicherheit“ zu einem interministeriellen Ausschuss des Nationalen Sicherheitsrats, um den gesamtstaatlichen Ansatz zu stärken, ist ein positiver Schritt, der von Expertinnen und Experten seit Langem gefordert wurde. 

Strategische Handlungsfelder

Basierend auf der zentralen Rolle des Weltraums bei heutigen Militäroperationen (Multi-Domain Operations) und dem Bedrohungsspektrum definiert die Strategie drei Handlungsfelder:

 

  1. Gefahren und Bedrohungen erkennen, Handlungsoptionen entwickeln: Zentrale Voraussetzung hierfür ist ein umfassendes Lagebild über die Aktivitäten anderer Akteure im Weltraum und die Fähigkeit, diese angemessen analysieren, Risiken beurteilen und darauf aufbauend Handlungsentscheidungen ableiten zu können (Space Domain Awareness). Hierfür nennt die Strategie bemerkenswert detailreich bereits getroffene oder angestrebte Maßnahmen, um Deutschlands Kapazitäten zur Weltraumlage (zum Beispiel Wächtersatelliten, Satelliten-On-Board-Sensoren) auszubauen oder seine Fähigkeit zu stärken, auf Bedrohungen oder Ausfälle reagieren zu können (zum Beispiel durch den Responsive Space-Ansatz mit Start- und Transportfähigkeiten, um ausgefallene Satelliten schnell zu ersetzen). 

     

  2. Internationale Kooperation und nachhaltige Ordnung im Weltraum fördern: Um seine Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit im Weltraum zu gewährleisten, ist Deutschland auf internationale Kooperationen angewiesen. Hier unterstreicht die Strategie die Zusammenarbeit innerhalb von NATO, EU und ESA sowie mit ausgewählten Partnern (unter anderem USA, Frankreich, Finnland, Schweden, Großbritannien und Norwegen) und im Rahmen multinationaler Kooperationsformate (Combined Space Operations Initiative, Operation Olympic Defender), denen Deutschland angehört. Einen besonderen Stellenwert nehmen darüber hinaus die Vereinten Nationen als zentrales Forum ein, um Normen für ein verantwortliches Verhalten im Weltraum zu entwickeln. Deutschland verpflichtet sich in der Strategie klar dem geltenden Weltraumrecht, dieses weiterzuentwickeln und selbst keine Antisatellitenwaffen-Tests durchzuführen, die potenziell Weltraumschrott erzeugen könnten. 

     

  3. Abschreckung aufbauen, Wehrhaftigkeit und Resilienz stärken: Im letzten Handlungsstrang setzt die Strategie die weitreichendsten neuen Akzente, da sie die „Fähigkeit zur Verteidigung mit dem Ziel der Abschreckung“ in den Fokus rückt. Für eine glaubwürdige Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit gegen Bedrohungen im Weltraum bedarf es laut Strategie Fähigkeiten, um die eigenen Systeme aktiv beschützen und die gegnerische Handlungsfähigkeit einschränken zu können. Hatte Verteidigungsminister Pistorius im September bereits von der Notwendigkeit „offensiver Fähigkeiten“ gesprochen, zählt die Strategie unter anderem die Befähigung zu militärischen Weltraum- und Cyberoperationen sowie Operationen im elektromagnetischen Spektrum, einen aktiven Schutz im Orbit, Hyperschalltechnologie in der hohen Atmosphäre und weitere Schlüsseltechnologien auf. Auch hält die Strategie klar fest, dass Deutschland im Rahmen der Verhältnismäßigkeit auf unfreundliches Verhalten und Völkerrechtsbrüche reagieren und sein Recht auf Selbstverteidigung notfalls ausüben werde. 

 

Basierend auf den drei strategischen Handlungsfeldern gibt die Strategie erfreulicherweise konkrete Handlungslinien vor, deren Umsetzung und Fortschritte im Sinne eines Monitorings überprüft und angepasst werden können. Darunter finden sich einerseits allgemeinere, übergeordnete Ziele wie die Förderung von Standardisierung und Interoperabilität von alliierten Weltraumsystemen oder der Schutz von Rohstoff- und Lieferketten der Raumfahrtindustrie. Anderseits gibt sie auch sehr spezifische Maßnahmen wie die Etablierung einer Weltraumakademie oder eines Space Wargaming Centers an, wodurch die Strategie deutlich an Aussagekraft gewinnt.

Fazit

Die Strategie zeigt ein gewachsenes Bewusstsein für die Bedeutung des Weltraums. Sie reflektiert auf realistische Weise das veränderte sicherheitspolitische Umfeld sowie die zentrale Rolle weltraumgestützter Fähigkeiten für die Landes- und Bündnisverteidigung – ebenso, wie daraus Abhängigkeiten und Verwundbarkeiten entstehen. Sie formuliert eine Vision, wie Deutschland auf die Bedrohungen angemessen reagieren und sich wirksam im geostrategischen Wettbewerb im Orbit positionieren kann. Die Strategie zeichnet ein ambitioniertes Bild von den notwendigen Schritten hin zu einer resilienten Weltraumsicherheitsarchitektur. Die Wirksamkeit der Strategie hängt jedoch von ihrer Umsetzung ab. Aufgrund der dynamischen Entwicklungen im All bleibt hierfür nicht viel Zeit.

Kontakt

Leiterin: Andrea Rotter, M.A.
Außen- und Sicherheitspolitik
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