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Parlamentswahl in Marokko 2026
Soziale Fragen rücken in den Mittelpunkt

Autorin/Autor: Julia Berger

Marokko hat ein neues Parlament gewählt. Im Wahlkampf ging es vor allem um steigende Lebenshaltungskosten, Arbeitsplätze und die Zukunft junger Menschen. Zugleich steht die Politik vor einem Vertrauensproblem: Gerade viele Jüngere engagieren sich zwar politisch, fühlen sich von den etablierten Parteien aber kaum vertreten.

Stimmabgabe in Marokko 2026: Trotz Beteiligung an der Wahlurne sank die Wahlbeteiligung auf historisch niedrige 38 Prozent – ein Zeichen wachsender Politikverdrossenheit.

HSF Marokko

Wahlergebnis: Etablierte Parteien dominieren

Bei der Parlamentswahl vom 23. September 2026 in Marokko ist die „Partei für Authentizität und Modernität (PAM)“ erstmals stärkste Kraft geworden. Die „Nationale Sammlung der Unabhängigen (RNI)“, die seit 2021 den Regierungschef stellte, verlor deutlich an Sitzen. Die „Istiqlal Partei“ folgt knapp dahinter. Damit bleiben die drei Parteien der bisherigen Regierungskoalition die stärksten Kräfte im Parlament, allerdings in veränderter Reihenfolge. Deutlich zulegen konnte die „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD)“, die sich nach ihrem starken Einbruch bei der Wahl 2021 wieder erholte.

Die Wahl fand unter neuen Rahmenbedingungen statt. Neue Regelungen des Wahlrechts sollten insbesondere Frauen und jüngeren Menschen den Zugang zur parlamentarischen Politik erleichtern. Dazu gehörten die ausschließlich Frauen vorbehaltenen Regionallisten und finanzielle Anreize für Kandidierende unter 35 Jahren.

Kaufkraft, Arbeitsplätze und soziale Entwicklung

Im Wahlkampf standen vor allem soziale und wirtschaftliche Fragen im Mittelpunkt. Die Parteien versprachen Verbesserungen bei Kaufkraft, Beschäftigung, Gesundheit, Bildung und bezahlbarem Wohnen. Die bisherige Regierung verwies auf den Ausbau der sozialen Sicherung und Investitionen in Infrastruktur, Industrie und Tourismus sowie auf die robuste wirtschaftliche Entwicklung. Gleichzeitig bleibt die Frage, wie diese Entwicklung möglichst breite Bevölkerungsschichten erreicht. Besonders die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Marokko, gestiegene Lebenshaltungskosten sowie die Ausgaben vieler Haushalte für Wohnen, Bildung und Gesundheitsversorgung prägten die politische Debatte.

Für die junge Generation bleibt die Schaffung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Perspektiven damit eine wichtige Aufgabe. Die „GenZ212“-Proteste im Herbst 2025, bei denen vor allem junge Menschen bessere Bildungs- und Gesundheitsangebote forderten, zeigten zugleich neue Formen gesellschaftlicher und politischer Beteiligung: Die Mobilisierung erfolgte vor allem über soziale Medien und weitgehend außerhalb traditioneller Parteistrukturen.

Auch die deutlich gesunkene Wahlbeteiligung in Marokko lenkt den Blick auf das Verhältnis zwischen jungen Menschen und den politischen Institutionen. Junge Erwachsene sind in den Wählerverzeichnissen vergleichsweise schwach vertreten. Die 18- bis 24-Jährigen stellten rund vier Prozent der registrierten Wählerschaft. 

Die Herausforderung für Parteien und politische Institutionen besteht daher auch darin, neue Wege zu finden, um diese Generation stärker zu erreichen.

Regierungsbildung in Marokko und strategische Kontinuität

Am 29. September 2026 ernannte König Mohammed VI, wie in der Verfassung vorgesehen, den neuen Regierungschef aus der Partei mit den meisten Sitzen. Die PAM-Parteichefin Fatima Ezzahra El Mansouri wird die erste Premierministerin in der Geschichte Marokkos. Als Bürgermeisterin von Marrakesch und Wohnungsbauministerin unter der Vorgängerregierung verfügt sie über langjährige Regierungserfahrung. Ihr obliegen in den nächsten Tagen auch die Koalitionsverhandlungen zur Regierungsbildung, da keine Partei allein über eine Mehrheit verfügt. 

Auf die neue Regierung warten zahlreiche Aufgaben: Beschäftigung- und Kaufkraftsteigerung ebenso wie Bildung, Gesundheitsversorgung, Wassersicherheit, Energiewende und die Vorbereitungen auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2030. Bei den großen strategischen Linien ist dagegen Kontinuität zu erwarten. Außen- und Sicherheitspolitik sowie zentrale langfristige Entwicklungsprojekte werden maßgeblich durch das Königshaus geprägt. Dies betrifft unter anderem die Westsahara-Politik und die Beziehungen zu den Staaten Subsahara-Afrikas.

Bedeutung der Wahl für Deutschland und Europa

Marokko ist für die Europäische Union ein wichtiger Partner bei Handel und Investitionen ebenso wie bei Energie, Sicherheit und Migration. Deutschland und Marokko arbeiten unter anderem in den Themenfeldern erneuerbare Energien, berufliche Bildung und Fachkräftemobilität zusammen. Die sozialen Entwicklungen in Marokko spielen auch für Europa eine Rolle. Die Ereignisse an der Grenze zu Ceuta Ende Juli 2026 haben erneut gezeigt, wie eng fehlende Perspektiven und Migration miteinander verbunden sein können. Für Deutschland und die EU dürfte deshalb neben wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Zusammenarbeit auch die Frage wichtiger werden, wie Beschäftigung und Ausbildung in Marokko insbesondere für junge Menschen unterstützt werden können. 

Für die kommende Legislaturperiode geht es also nicht nur darum, wer Marokko regiert. Entscheidend wird auch sein, ob die politischen Institutionen mehr junge Menschen erreichen und ob das wirtschaftliche Wachstum für größere Teile der Bevölkerung spürbar wird.

HSS in Marokko: Zivilgesellschaft, Crowdfunding und Fachkräfte

Die Hanns-Seidel-Stiftung in Marokko schult zivilgesellschaftliche Organisationen und Kleinunternehmen darin, wie sie durch Crowdfunding eigene Projekte finanzieren können. Gleichzeitig unterstützt die HSS sowohl die fachliche Debatte zu Start-Up Finanzierung durch Crowdfunding vor Ort als auch zur Fachkräftemigration zwischen Marokko und Bayern. Auf diese Weise soll reguläre Migration langfristig den Fachkräftemangel in Deutschland mindern und Beschäftigungsperspektiven in Marokko verbessern. 

Zudem werden in einem Medienprojekt mit Nichtregierungsorganisationen in Gemeinden Möglichkeiten für zivilgesellschaftliche Beteiligung geschaffen, um auf konstruktive Weise Räume für öffentliche Diskussionen zu bieten. 

Das HSS-Projektbüro befindet sich in Rabat.

Parlamentswahl 2026 in Marokko in Zahlen

Kontakt

Projektleitung: Julia Berger
Marokko
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