Marokkos König und Papst Franziskus
Gemeinsam für interreligiösen Dialog
König Mohammed VI. empfing den Papst nicht nur in seiner Eigenschaft als Staatschef von Marokko, sondern auch in seiner Funktion als „Führer der Gläubigen“ (Amir al Mu’minin) und religiöses Oberhaupt des Landes. In dieser seit der Staatsgründung Marokkos im Jahre 789 traditionell verankerten Rolle betonte König Mohammed VI., dass das Treffen durch und durch vom Geist der abrahamitischen Geschwisterreligionen inspiriert sei.
Die Einladung des Papstes durch den marokkanischen König zeigt das intensive Bemühen um Austausch und Dialog.
carlo75; CC0; pixabay
Als „Führer der Gläubigen“, so unterstrich er unmissverständlich, garantiere er persönlich das Recht auf freie Religionsausübung, nicht nur von Muslimen, sondern von marokkanischen Juden und von Christen unterschiedlicher Nationen, die Marokko inzwischen zu ihrer dauerhaften Heimat gemacht hätten. In diesem Zusammenhang erinnerte Mohammed VI. auch an die spirituelle, architektonische und kulturelle Brücke, die von der maurischen Kultur in Spanien und Marokko als Bindeglied zwischen Afrika und Europa getragen werde. Er machte darauf aufmerksam, dass der Zeitpunkt des Papstbesuchs in den heiligen Monat Rajab des islamischen Jahres falle, der für Christen und Muslime gleichermaßen das historische Anfangsdatum ihres interreligiösen Dialogs markiere. Dieser, so betonte der Staatschef, sei in seinem Potenzial bei weitem noch nicht ausgeschöpft.
Nach mehr als 30 Jahren besuchte wieder ein Papst Marokko. Im Jahr 1985 war Papst Johannes Paul II. als erstes Oberhaupt der Katholischen Kirchen der Einladung von König Hassan II. gefolgt.
HSS
Im Anklang an dieses Datum richtete König Mohammed VI. seine Rede angesichts der zahlreichen katholischen Besucher aus den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla auf Spanisch, anschließend unter Berücksichtigung der zahlreichen Christen aus Subsahara-Afrika auf Französisch, und danach, als Ausdruck der internationalen Bedeutung des Treffens, auch auf Englisch an den Papst. Er warnte mit Nachdruck vor Radikalismus und blindem Fanatismus als Ausdrucksformen einer totalen Ignoranz gegenüber religiösen Prinzipien und Werten. Diese seien vielmehr geprägt von uneingeschränkter Solidarität, Mitmenschlichkeit und gegenseitigem Respekt. In diesem Zusammenhang warb er für eine stärkere Bildungsgerechtigkeit auf globaler Ebene und forderte dazu auf, Unwissenheit und Intoleranz keinen Platz einzuräumen. Dabei nahm er die zivilisatorische Verantwortung der abrahamitischen Religionen in eine besondere Pflicht.
Papst Franziskus feierte im "Prince-Moulay-Abdellah-Stadion eine Messe mit ungefähr 10.000 Teilnehmern. Etwa 23.00 Katholiken leben in Marokko.
HSS
Gemeinsam gegen Intoleranz und Fanatismus
Papst Franziskus erinnerte in seiner programmatischen Rede ebenfalls an ein geschichtsträchtiges Datum: an die Begegnung des Heiligen Franz von Assisi mit dem ägyptischen Sultan al Kamil im dreizehnten Jahrhundert in der ägyptischen Hafenstadt Damiette. Im Geiste dieser interreligiösen Verständigung erteilte er ebenfalls dem Missbrauch der Religion durch Fundamentalismus und Extremismus eine klare Absage. Er hob die lange Tradition des humanitären Engagements der katholischen Kirche in Marokko hervor, die sich unter anderem in der wichtigen Arbeit von Institutionen wie der Caritas bei der Flüchtlingsregistrierung und -versorgung widerspiegle. Dabei lobte er nicht nur die hervorragenden Rahmenbedingungen für katholische Institutionen in dem vom sunnitischen Islam geprägten Land, sondern unterstrich die Kontinuität der freundschaftlichen Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem Königreich Marokko.
Papst Franziskus gratulierte König Mohammed VI. zur Einrichtung des Ausbildungszentrums für afrikanische, aber auch europäische Imame: dem Institut Mohammed VI. in Rabat. Es vermittle Religionsgelehrten eine zeitgenössische und moderne Interpretation des Islam, um gesellschaftspolitisch, wirtschaftspolitisch und ökologisch relevanten Fragestellungen unserer Epoche in adäquater Weise begegnen zu können. Marokko, so Papst Franziskus, untermauere damit seine Vorreiterrolle in der muslimischen Welt bei der Modernisierung religiöser Bildung.
Diese Begegnung fand am Mausoleum der Alawiden-Dynastie in Rabat statt. die seit 1664 in Marokko herrscht. Danach besuchte der Papst das Institut, um sich intensiv und persönlich mit angehenden islamischen Religionsgelehrten, darunter auch viele Frauen, auszutauschen.
Unterzeichnung einer Jerusalem-Erklärung
Im Rahmen des Aufenthaltes unterzeichneten das katholische Kirchenoberhaupt und der marokkanische König eine Jerusalem-Erklärung. Damit soll der besondere Schutz der multireligiösen und spirituellen Dimension sowie der besonderen Identität Jerusalems für die drei abrahamischen Weltreligionen gefördert werden. In seiner Eigenschaft als Präsident des Al Quds Komitees zum Schutz des religiösen und kulturellen Erbes Jerusalems hatte König Mohammed VI. im Vorfeld die Unterzeichnung des Abkommens initiiert.
Das Schicksal der Migranten ist für Papst Franziskus ein großes Anliegen. Der Papst ruft auf zur Brüderlichkeit und Barmherzigkeit.
martieda; CC0; pixabay
Aufbruch auf ganzer Linie
Marokko setzte mit der Einladung von Papst Franziskus seine bemerkenswerten Initiativen im Nachgang der Ereignisse des Jahres 2011 in der arabischen Welt beispielhaft fort. Nach der Verabschiedung einer neuen Verfassung im Sommer des gleichen Jahres stieß das Land im Verlauf der letzten Jahre umfassende demokratische Reformen an, darunter die Neuordnung der Gebietskörperschaften (fortgeschrittene Regionalisierung), die den politischen Gestaltungsspielraum von Kommunen und Regionen wesentlich gestärkt hat.
Durch seine Investitionen im Bereich der erneuerbaren Energien rangiert das Land im Climate Performance Index zusammen mit Schweden und Litauen auf den weltweiten Spitzenpositionen.
Die Inbetriebnahme der ersten afrikanischen Eisenbahnhochgeschwindigkeitstrasse von Casablanca nach Tanger untermauert zudem Marokkos Führungsansprüche auf dem europäischen Nachbarkontinent.
Der beeindruckende Empfang für Papst Franziskus, dessen Besuch in einer feierlichen Messe vor 10.000 bunt gemischten Gläubigen, darunter auch zahlreichen neugierigen Muslimen, in der Hauptstadt Rabat seinen gebührenden Abschluss fand, kann indes als weiteres Indiz für den positiven und hoffnungsvollen Aufbruch des nordafrikanischen Landes gewertet werden. In Europa dürfte man das marokkanische Engagement auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene mit großem Interesse zur Kenntnis nehmen.
Claudia Fackler
Leiterin