Jubiläumsveranstaltung in Quito
30 Jahre Exzellenzstipendienprogramm in Ecuador
Valeria Mouzas, Projektleitung Ecuador, Peru und Bolivien, stellt die Publikation "Von Stipendiaten zu Führungskräften: 30 Jahre Wandel" vor.
Jike Guatemal
Das Programm wurde von Valeria Mouzas, Auslandsmitarbeiterin für Ecuador, Peru und Bolivien, eröffnet. Im Anschluss hielt Henning Senger, stellvertretender Leiter des Instituts für Internationale Zusammenarbeit, einen Vortrag über die "Bedeutung des Stipendienprogramms im Rahmen der Internationalen Zusammenarbeit für die Hanns-Seidel-Stiftung". Eine Videogrußbotschaft der Abteilungsleitung des Instituts für Internationale Zusammenarbeit, Dr. Susanne Luther, und Herrn Vorsitzenden Markus Ferber, MdEP wurden bei der Veranstaltung eingespielt.
Bedeutend für Demokratie und Freiheit
Die Hanns-Seidel-Stiftung ist seit 1985 in Ecuador tätig und setzt sich für die Förderung einer demokratischen und pluralistischen Kultur ein, die auf den Grundsätzen der Freiheit und Toleranz beruht. Das Stipendienprogramm Ecuador wurde vom früheren Auslandsmitarbeiter Armin Schlegl ins Leben gerufen. Seit 30 Jahren unterstützt die Hanns-Seidel-Stiftung erfolgreich junge Ecuadorianerinnen und Ecuadorianer aus einkommensschwachen Verhältnissen bei der Erlangung eines akademischen Abschlusses an renommierten Universitäten.
Impressionen
Interview
Laura Hagl, Projektkoordinatorin Referat Lateinamerika, hat mit Henning Senger, stellvertretender Leiter des Instituts für Internationale Zusammenarbeit, in einem Interview über die bisherigen Erfolge und Herausforderungen des Exzellenzstipendienprogramms in Ecuador gesprochen.
Henning Senger, stellvertretender Leiter des Instituts für Internationale Zusammenarbeit, lobt die Erfolge des Stipendienprogramms.
Jike Guatemal
Laura Hagl: Was sind die größten Erfolge des Stipendienprogramms der Hanns-Seidel-Stiftung in Ecuador?
Henning Senger: In den vergangenen 30 Jahren haben mehr als 600 junge Menschen unser Stipendienprogramm durchlaufen. Die überwiegende Mehrheit kommt aus den lange Zeit benachteiligten und ausgegrenzten indigenen Völkern Ecuadors. Ihnen hat das Programm die Möglichkeit geboten durch eine gute (Aus-)Bildung den Teufelskreis von Armut und Ausgrenzung zu durchbrechen.
Eine paar Beispiele helfen das zu verdeutlichen: Viele Indigene gaben in den 80er und 90er Jahren ihren Kindern spanisch klingende Namen, weil sie hofften, ihren Kindern so später bessere Chancen zu eröffnen. Als Indigener war man gebrandmarkt.
Die gesellschaftliche Ausgrenzung war tatsächlich himmelschreiend: Unsere ersten Stipendiaten wussten bei ihrer Aufnahme ins Programm nicht, was ein Kopierer ist, geschweige denn wie er funktioniert. Und es gab nahe der historischen Altstadt in Quito ein altes, verfallenes und ungenutztes Krankenhaus. In dieser Ruine hatten sich seinerzeit einige Stipendiaten niedergelassen, weil sie sonst in Quito - wo sie studieren wollten - keine Bleibe fanden.
Die Ruine wurde viele Jahre später in ein Kulturzentrum umgewandelt - und genau in diesem Zentrum haben wir im Juli 2023 das 30-jährige Jubiläum unseres Stipendiensystems gefeiert.
Wir haben mit dem Stipendienprogramm dazu beigetragen, den Indigenen in Ecuador eine starke Stimme zu geben. Heute können die indigenen Völker ihre Interessen selbstbewusst und selbstbestimmt artikulieren.
Laura Hagl: Wie hat sich die Zielgruppe im Laufe der vergangenen Jahre verändert? Wie sieht es bezüglich der Frauenbeteiligung aus?
Henning Senger: Anfang der 2010er Jahre haben wir das Stipendiensystem breiter gefasst. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns ausschließlich auf die indigenen Völker konzentriert. Doch auch andere Menschen in Ecuador tun sich aus wirtschaftlichen Gründen schwer, sich eine qualitativ hochwertige Ausbildung leisten zu können. Und da die HSS in Ecuador auch einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten will, war es für uns nur folgerichtig das Programm für alle ethnischen Gruppen des Landes zu öffnen. Durch unser Begleitprogramm zum Stipendium (mit obligatorischen Seminaren, Workshops und Vorträgen etc.) entsteht eine Gruppendynamik. So lernen die jungen Leute die Perspektiven, Probleme, Herausforderungen, Wünsche und Lebensrealitäten ihrer Kommilitonen aus anderen Regionen des Landes und aus anderen Ethnien oder sozialen Gruppen kennen. Das hilft enorm und baut Vorurteile ab.
Zu Beginn des Stipendiensystems war der weit überwiegend Teil der Stipendiaten Männer, was nicht zuletzt auch an den internen Normen der indigenen Völker lag. Lediglich knapp 20 Prozent waren Frauen. Doch das hat sich in den letzten 15 Jahren massiv gewandelt. Betrachtet man die letzten 15 Jahre so haben wir in diesem Zeitraum deutlich mehr weibliche Stipendiaten gehabt als männliche. Wenn wir die gesamten 30 Jahre betrachten kommen wir aktuell auf einen Anteil von 40 Prozent Frauen - mit weiterhin steigender Tendenz.
Laura Hagl: Wer kann sich für ein Stipendium an einer renommierten Universität Ecuadors bewerben?
Henning Senger: Im Prinzip jeder. Voraussetzungen sind Leistungsbereitschaft, gute schulische oder universitäre Noten, soziales oder gesellschaftliches Engagement, und sehr niedrige ökonomische Ressourcen. Eine weitere praktische Einschränkung (wenn man so will) ist die gewählte Hochschule. Wir unterstützen ein Studium an ausgewählten renommierten Universitäten. Leider gibt es in Ecuador auch heute noch viele sogenannte "Hochschulen" oder "Universitäten" die eine qualitativ sehr zweifelhafte Ausbildung anbieten und deren Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt kaum etwas wert sind.
Laura Hagl: In welchen Bereichen arbeiten heutzutage die ehemaligen Stipendiaten/Alumni?
Henning Senger: Unsere Alt-Stipendiaten sind heute gut situierte Ärzte, arbeiten als Anwälte oder sind in der staatlichen Verwaltung tätig. Viele sind erfolgreiche Unternehmer und Selbständige oder arbeiten in namhaften Firmen (auch im Ausland); wieder andere arbeiten in oder gründeten erfolgreiche NGOs, einige hat es auch als Abgeordnete, Bürgermeister oder Präfekt (eine Art Ministerpräsident einer Region) in die Politik verschlagen.
Laura Hagl: Wie soll das Netzwerk der Stipendiaten in Ecuador zukünftig aussehen?
Henning Senger: Bisher beschränkten sich unsere Netzwerke zwischen Stipendiaten und Alumnis weitestgehend auf Kontakte über die sozialen Medien und unser einmal jährlich stattfindendes großes "Sommerseminar", wozu immer auch Alt-Stipendiaten eingeladen werden. Wir wollen dieses bestehende Netzwerk weiter stärken und in unseren Begleitveranstaltungen mehr Formate anbieten, wo sich aktuelle Stipendiaten und Alt-Stipendiaten begegnen können. Weiterhin planen wir die Einführung eines Mentorenprogramms, um den persönlichen Kontakt zu intensivieren und den Stipendiaten die Möglichkeit zu bieten, von ihren Vorgängern zu lernen.
Vielen Dank für die spannenden Einblicke!
Kontakt
Projektkoordinatorin Ecuador, Kolumbien, Venezuela, Projekte zu Flucht und Migration