Wirtschaftskrise in Mittelamerika
Blackout auf Kuba
Geschäft in Havanna
© Philipp Fleischhauer
Straßenszene auf Kuba
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Mitte Oktober verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer über die Nachrichtenticker der Welt: Kuba im Dunkeln! Für mehr als 72 Stunden war fast das gesamte Land von der Stromversorgung abgeschnitten. Am 18. Oktober brach das kubanische Stromnetz komplett zusammen, nachdem das größte Kraftwerk der Insel „Antonio Guiteras“ ausgefallen war und fast 10 Millionen Menschen im Dunkeln saßen. In der Zwischenzeit versuchten die Bewohner vergeblich, die Lebensmittel in ihren Kühlschränken zu retten. Viele Nahrungsmittel werden, sofern sie denn verfügbar sind, auf Vorrat gekauft und dann Stück für Stück verbraucht. Auf den Straßen Kubas sah man vielerorts „Garküchen“ mit Holzfeuern, um die aufgetauten Lebensmittel zumindest kurzfristig zu verwerten.
Versuche, die Stromversorgung flächendeckend wiederherzustellen, scheiterten, was den prekären Zustand der Infrastruktur des Landes - u.a. eine Folge des seit mehr als 60 Jahren bestehenden US-Handelsembargos - unterstreicht. Die meisten Kraftwerke auf Kuba sind über 40 Jahre alt und sowjetischer Bauart. Der Ukraine-Konflikt erschwert die Versorgung mit Ersatzteilen zusätzlich. In vielen Gebieten gibt es seit Monaten nur vier bis sechs Stunden Strom am Tag.
Kuba bezieht seine Energie in erster Linie aus Ölkraftwerken, deren Produktion jedoch nicht ausreicht. Zur Unterstützung liegen seit einigen Monaten türkische Kraftwerksschiffe vor Anker. Doch auch diese benötigen Öl, das bisher vor allem vom verbündeten Venezuela geliefert wurde. Aufgrund der Krise im eigenen Land musste Venezuela seine Lieferungen jedoch drastisch reduzieren. Die Hurrikane der vergangenen Wochen führten schließlich zu einem kurzfristigen Totalausfall der Lieferungen. Die kubanische Regierung hat zwar die Notwendigkeit erkannt, ihre Energieversorgung zu diversifizieren und Initiativen eingeleitet, die erneuerbare Energien nutzen. Doch das wurde bislang noch nicht in größerem Umfang umgesetzt.
Kubanerinnen und Kubaner stehen Schlange vor einem staatlichen Lebensmittelgeschäft
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Im Krisenmodus
Kuba befindet sich in der schwersten Krise seit den 1990er Jahren mit einer rasant steigenden Inflation, einem starken Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion und einer wachsenden sozialen Ungleichheit - Effekte, die durch die Auswirkungen der Pandemie und die Verschärfung des US-Embargos noch verschlimmert werden.
Die Außenbilanz Kubas ist unausgeglichen, da das Land nach Angaben der Vereinten Nationen 80 Prozent seines Verbrauchs importiert, während die Exporte minimal sind. Auf der anderen Seite hat die Inflation stark zugenommen. Derzeit übersteigt der Preis einer Packung mit 30 Eiern den staatlichen Mindestlohn und eine Tankfüllung kostet mehr als ein durchschnittliches Monatseinkommen. Hinzu kommt die ständige Knappheit an Lebensmitteln, Medikamenten und Treibstoff. Seit mehreren Wochen wird auch der Müll nicht mehr von den Straßen abgeholt, es fehlt an Diesel und Ersatzteilen für die Müllwagen.
Die Pandemie und die US-Sanktionen haben zudem zu einem Rückgang des Tourismus geführt, der für das BIP und die Devisenzuflüsse von entscheidender Bedeutung ist.
Straße mit nicht abgeholtem Müll im Zentrum von Havanna
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Regierung versucht gegenzusteuern
Auch wenn die Lage auf der Insel derzeit ernst ist, gibt es doch Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation. Die Regierung hat bereits an verschiedenen Stellen Beschlüsse korrigiert und durch Reformen die Grundlage für eine Verbesserung der Situation gelegt. So hat sie die Entstehung eines Privatsektors ermöglicht und mit der Verfassungsänderung von 2019 den Weg für eine Politik der Dezentralisierung geebnet. Derzeit wird versucht, durch innovative Modelle wie die Kreislaufwirtschaft die nationale Güterproduktion wieder anzukurbeln. Ob diese und weitere Reformen ausreichen, um die Krise zu überwinden, bleibt abzuwarten. Viel wird auch vom Ausgang der US-Wahlen abhängen, die wie ein Damoklesschwert über Allem schweben. Sollte Donald Trump die Wahl gewinnen, wird sich die Situation für Kuba mit großer Wahrscheinlichkeit weiter verschlechtern.
Plakat, das sich gegen das US-Handelsembargo richtet
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