„Transatlantic Young Leaders Program“ der Hanns-Seidel-Stiftung
Neue Spielregeln für alte Freunde?
Sechs junge Führungskräfte diskutierten in Washington D.C. (Bild) mit Vertretern der US-Regierung, Think Tanks, Kongressbüros und internationalen Organisationen über das Verhältnis zwischen Europa und den USA.
© Vanessa Maurer
Es ist kein Geheimnis, dass die Vereinigten Staaten und Europa gemeinsam vor gewaltigen Herausforderungen stehen – vom russischen Angriffskrieg über Chinas geopolitischen Aufstieg bis hin zum Nahostkonflikt und Irans destabilisierender Rolle. Zugleich geraten beide Seiten in einen Prozess strategischer Entkopplung: die bewusste Abkehr von gegenseitigen Abhängigkeiten in Wirtschaft, Sicherheit und Technologie. Dies mindert die transatlantische Handlungsfähigkeit, verursacht Kosten durch Doppelstrukturen und sendet ein Signal politischer Uneinigkeit.
Dies wurde bei intensiven Gesprächen mit Vertretern der US-Regierung, Think Tanks, Kongressbüros und internationalen Organisationen deutlich, an denen eine Delegation des „Transatlantic Young Leaders Program“ der Hanns-Seidel-Stiftung in Washington, D.C. teilnahm. Die sechs jungen Führungskräfte aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik besuchten gemeinsam mit Sibel Öztürk-Baştanoğlu, Referatsleiterin für Westeuropa und Nordamerika am „Institut für Europäischen und Transatlantischen Dialog“ der HSS, im Juli für fünf Tage die US-Hauptstadt.
Wandel des transatlantischen Sicherheitsverständnisses
Während Europa weiterhin auf die NATO als sicherheitspolitisches Rückgrat setzt, mehren sich in den USA – insbesondere bei republikanischen Entscheidungsträgern – Stimmen, die ein selektives Sicherheitsverständnis vertreten und bilaterale Beziehungen gegenüber multilateralen Bündnissen bevorzugen. Hinzu tritt ein zunehmender Transaktionalismus: Die traditionelle Vorstellung kollektiver Sicherheit wird zunehmend von einem Nutzenkalkül verdrängt. Dieses Spannungsverhältnis wurde in Gesprächen mit Vertretern des State-Department (Außenministerium der Vereinigten Staaten), des „American-German Institute“ (AGI; Zentrum für Politikforschung und -wissenschaft) sowie der Denkfabriken „Heritage Foundation“ und „Atlantic Council“ deutlich.
von links: Konteradmiral Henning Faltin (Verteidigungsattaché, Delegation der EU in den USA & Kanada), Vanessa Maurer (Leiterin Abgeordnetenbüro Thomas Erndl, MdB, Berlin), Dr. Vanessa Gottwick (Program Managerin, IABG, München), Sibel Öztürk-Baştanoğlu (Referatsleiterin Nordamerika, Westeuropa, HSS München), Kevin Bayer (Leiter Abgeordnetenbüro Christian Doleschal, MdEP, Brüssel), Regina Wiedenbauer (Mangerin, German Political Affairs, Rheinmetall AG, Berlin), Dr. Alexander Hempfing (Policy Analyst, Europäische Kommission, Brüssel), Christian Forstner (Büroleiter, HSS Washington, D.C.)
© HSS
NATO vor Bewährungsprobe
Die Demokratische Partei hält an multilateralen Bündnissen, institutioneller Stabilität und der Verteidigung gemeinsamer demokratischer Werte fest. Der NATO wird ein hoher Stellenwert beigemessen – nicht nur aus geopolitischer, sondern auch aus wertegeleiteter Sicht, wie der demokratische Think Tank „Center for American Progress“ (CAP) deutlich machte.
Die „Heritage Foundation“, eine konservative Denkfabrik, sowie republikanische Senatoren vertraten hingegen eine transaktionale Sichtweise. Die amerikanische Sicherheitspolitik wird primär unter dem Aspekt nationaler Interessen betrachtet, die militärische Präsenz in Europa infrage gestellt, ein strategischer Fokus auf den Indopazifik gefordert und China wird langfristig als wichtigste Bedrohung angesehen. Die NATO bleibt relevant, aber nicht als Wertegemeinschaft, sondern als Werkzeug, das sich bewähren muss.
Auffallend: Sowohl die Republikaner als auch die Demokraten fordern von Europa eine stärkere Eigenverantwortung - in finanzieller, materieller und politischer Hinsicht. Die deutsche Zeitenwende wird zwar anerkannt, aber auch kritisch hinterfragt. Denn Symbolpolitik allein reicht nicht – entscheidend sind Fähigkeiten, Geschwindigkeit in der Beschaffung und strategische Klarheit.
Europa muss strategische Autonomie ausbauen
In vielen Diskussionen zeigte sich ein wachsender Konsens darüber, dass Europa seine strategische Autonomie ausbauen muss. Besonders in Gesprächen mit deutschen Sicherheits- und Verteidigungsexperten sowie mit Vertretern der EU-Delegation wurde deutlich: Europa muss vorbereitet sein, seine Sicherheitsinteressen eigenständig zu vertreten – auch in Zeiten eines möglichen US-Rückzugs – sei es im Baltikum, in der Ukraine oder im Mittelmeerraum.
Es geht nicht nur um finanzielle Mittel, sondern auch um eine gemeinsame europäische Rüstungsstrategie, schnelle Reaktionsfähigkeit und die Überwindung nationalstaatlicher Fragmentierung. Es wurde deutlich: Die Zukunft der transatlantischen Beziehungen hängt nicht allein von der amerikanischen Politik ab, sie erfordert auch europäische Entschlossenheit, klare Prioritäten und institutionelle Reformen.
Das Kapitol der Vereinigten Staaten in Washington, D.C., der Sitz des US-Kongresses.
© Vanessa Maurer
Neue Spielregeln der Diplomatie
Ein wiederkehrendes Thema war die veränderte Kommunikationskultur in den transatlantischen Beziehungen. Persönliche Beziehungen zu einzelnen Entscheidungsträgern, insbesondere zu US-Präsident Donald Trump und seinem politischen Umfeld, gewinnen an Bedeutung, klassische diplomatische Kanäle verlieren an Einfluss. Offen wurde auch darüber gesprochen, dass Kritik an Trump in vielen Fällen kontraproduktiv sei; pragmatischer, vertrauensvoller Zugang eröffne Handlungsspielräume.
Wirtschaftliche Herausforderungen für Deutschland
Neben sicherheitspolitischen Fragen wurden auch wirtschaftliche Aspekte intensiv diskutiert – unter anderem im Gespräch mit der Delegation der deutschen Wirtschaft (RGIT) und mit Mitgliedern des Kongresses. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit ist nach wie vor eng, doch protektionistische Tendenzen auf US-Seite, insbesondere unter Trump, stellen deutsche Unternehmen vor neue Herausforderungen: Steigende Zölle, Visa-Beschränkungen, wachsendes Misstrauen gegenüber ausländischen Investitionen und ein starker Fokus auf „local-for-local“-Produktion verlangen nach Anpassungen deutscher und europäischer Strategien.
von links: Jolina Öhrke (Praktikantin HSS Washington, D.C.), Joseph Quinn (Program Manager, HSS Washington, D.C.), Sibel Öztürk-Baştanoğlu (Referatsleiterin Nordamerika, Westeuropa, HSS München), Kevin Bayer (Leiter Abgeordnetenbüro Christian Doleschal, MdEP, Brüssel), Dr. Vanessa Gottwick (Program Managerin, IABG, München), Vanessa Maurer (Leiterin Abgeordnetenbüro Thomas Erndl, MdB, Berlin), Dr. Florian Schreiner (Referent beim deutschen Militärvertreter NATO/EU, Brüssel), Regina Wiedenbauer (Mangerin, German Political Affairs, Rheinmetall AG, Berlin), Dr. Alexander Hempfing (Policy Analyst, Europäische Kommission, Brüssel), Leonard Schweizer (Praktikant HSS Washington, D.C.)
© HSS
Fazit des Besuchs: Die transatlantische Partnerschaft ist kein Selbstläufer mehr. Sie bedarf einer strategischen Neuausrichtung, einer aktiven politischen Gestaltung und substanzieller Beiträge von beiden Seiten.