Weihnachten in Jerusalem
Zwischen Kriegsnarben und Lichterglanz
Weihnachtsmarkt in der Altstadt von Jerusalem.
© Kudella/HSS
Dennoch erstrahlt das Stadtzentrum in festlichem Glanz. Pilger zieht es zur Wiege des Christentums und am Neuen Tor der Altstadt schmückt weihnachtliche Dekoration die Straße. Aus dem nahe dem Projektbüro gelegenen Jerusalem International YMCA (CVJM) erklingen Glockenspiele, während ein Weihnachtsmarkt mit musizierenden Engeln, Crêpes und Glühwein Besucher anzieht. In einem alten arabischen Steinhaus in der Altstadt öffnet das „Haus des Weihnachtsmanns“ seine Türen – ein Ort der Freude für die Kinder des Heiligen Landes. Auch im Armenischen Viertel lockt ein Markt mit Kunsthandwerk, Spezialitäten und Musik; im Christlichen Viertel soll bald ein eigener, festlich beleuchteter Weihnachtsmarkt folgen.
Das Stadtzentrum von Jerusalem erstrahlt in weihnachtlichem Glanz.
© Kudella/HSS
Heilige Klänge und Gräben
Mit jedem Licht, jeder Melodie kündigt sich der Advent an. Er bringt die vertrauten Klänge und Bilder Jerusalems zurück: Kirchenglocken hallen durch die Altstadt, Chanukka-Lichter tanzen in den jüdischen Gassen und muslimische Gläubige ziehen zum Freitagsgebet auf den Tempelberg (al-haram asch-scharif). Dort, wo die drei großen Religionen sich begegnen, liegen die tiefen Gräben der Stadt – und doch auch ihr gemeinsames Herz.
Jerusalem gilt nicht ohne Grund als geteilte Stadt. Von 1948 bis 1967 war sie zwischen Israel und Jordanien geteilt, 1967 eroberte Israel den Ostteil und annektierte ihn 1980. Bis heute verlaufen unsichtbare kulturelle Grenzen durch die Stadt, die den jüdischen Westen vom arabischen Osten trennen., Grenzen, die jeder spürt, der durch ihre Straßen geht. Noch immer bestimmen Gewalt und Terroranschläge die Schlagzeilen.
Blick in die weihnachtlich dekorierte Altstadt von Jerusalem.
© Kudella/HSS
Räume der Begegnung
Hinter den düsteren Schlagzeilen entwickelt sich ein feines Netz aus hoffnungsvollen Begegnungen. Die Hanns-Seidel-Stiftung pflegt es vor Ort mit Partnern wie 0202 – Points of View from Jerusalem. Die Initiative stärkt israelische und palästinensische Frauen in der Medienbildung und fördert Begegnungen über West-Ost-Grenzen hinweg – bis hinein in die charedische (ultraorthodoxe) Gesellschaft –, um religiöse und kulturelle Gräben zu überbrücken.
Das Sinsila Center in Ostjerusalem schafft nachhaltige Begegnungsräume für die Nachbarschaft. Gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung werden öffentliche Flächen begrünt, wodurch lebendige Orte des Austauschs entstehen; Gespräche entfalten sich, Gemeinschaft wächst. Selbst in schwierigen Zeiten stärkt das Projekt das Bewusstsein für gemeinsame Verantwortung.
Im Westen der Stadt vereint die imposante National Library of Israel Juden, Muslime und Christen unter einem Dach. Inmitten moderner Architektur erkunden sie gemeinsam Judaica, Islamica und humanistische Schätze, die jahrhundertealtes Wissen bewahren. Trotz unterschiedlicher Traditionen teilen sie denselben Raum, tauschen Gedanken aus und nähren gemeinsam ihre Leidenschaft für Kultur und Geschichte.
Hoffnung an unerwarteten Orten
Die Arbeit dieser Projektpartner webt zarte Fäden des Miteinanders, die Jerusalem trotz aller Spannungen zusammenhalten. Diese Gesten lösen keine Konflikte, fordern keine großen politischen Visionen. Doch sie knüpfen an einen „täglichen Frieden“ an, der für jeden politischen Prozess unverzichtbar ist. Die Lage bleibt schwierig, die Angst sitzt tief, das Vertrauen ist fragil und die Anführer aller Seiten stehen unter enormem Druck. Gerade in solchen Zeiten gewinnen die kleinen Schritte einfacher Menschen vor Ort an Bedeutung.
Die Weihnachtsgeschichte beginnt in einer Krippe in Bethlehem, nur wenige Kilometer südlich. Auch das palästinensische Bethlehem leidet unter den Folgen der vergangenen Kriegsjahre und dem Einbruch des Tourismus. Auch dort engagiert sich die Hanns-Seidel-Stiftung für Demokratie, Frieden und Entwicklung. Die Geschichte vom Christkind in der Krippe erzählt von Hoffnung, die an unerwarteten Orten wächst – ohne Prunk, ohne Machtdemonstration, als unscheinbare Geburt in einem unruhigen Land. Das Heilige Land bewahrt diese Botschaft in seinen Stätten und vielstimmigen Erzählungen: „Friede auf Erden“ erwächst aus leisen, fast unsichtbaren Momenten fernab der großen Weltbühne.
Dieses Jahr ist unser Wunsch schlicht: Lassen wir uns von den kleinen, fast unsichtbaren Momenten der Menschlichkeit berühren. Schauen wir genau hin auf das, was sonst leicht übersehen wird. Sie zeigen, dass selbst in dunklen Zeiten Menschen über Gräben hinwegreichen, Würde bewahren und den Glauben an gemeinsames Leben lebendig halten. In der Weihnachtsbotschaft – „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“ (Lukas 2, 14) – klingt jene Hoffnung nach, die aus der Krippe in unsere verletzliche Welt strahlt.
Zum Autor: Dr. Steffen Kudella leitet das Projektbüro der Hanns-Seidel-Stiftung in Jerusalem und teilt dort Alltag und Arbeit mit Juden, Muslimen und Christen.
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