Tempelstreit von Thailand und Kambodscha eskaliert
Zwischen Grenzkrieg und Regierungskrise
Der Hintergrund des eskalierenden Grenzkonflikts zwischen Thailand und Kambodscha ist der Streit um das Gebiet rund um den historischen Khmer-Tempel Preah Vihear. Beide Länder beanspruchen diese kulturell und geschichtlich bedeutsame Anlage für sich. Die Wurzeln des Konflikts reichen bis in die Kolonialzeit zurück, als Frankreich den Grenzverlauf zwischen Siam (heute Thailand) und Französisch-Indochina (heute Kambodscha) ohne Rücksicht auf ethnische und kulturelle Gegebenheiten festlegte. Seitdem bestehen unterschiedliche Interpretationen dieser Grenzziehung.
IMAGO / Anadolu Agency
Beschuss mit Todesopfern unter Zivilisten
Im Mai 2025 verschärfte sich der Konflikt, nachdem es in der umstrittenen Region zu einem Schusswechsel zwischen den Streitkräften beider Länder kam. Sämtliche diplomatischen Vermittlungsversuche scheiterten seither. In der Folge wurden die Grenzen geschlossen und die Botschafter beider Staaten zurückgerufen. Inzwischen kam es an mindestens sechs verschiedenen Abschnitten der gemeinsamen Grenze zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Thailand wirft Kambodscha vor, zunächst eine thailändische Militärbasis mit schweren Waffen angegriffen und anschließend auch zivile Ziele beschossen zu haben, wodurch es mindestens elf zivile Todesopfer gegeben habe. Als Reaktion flog die thailändische Luftwaffe Angriffe auf strategische Ziele in Kambodscha. Laut thailändischem Militär sollen dabei zwei kambodschanische Militärbasen zerstört worden sein – eine offizielle Bestätigung Kambodschas dazu steht bislang aus.
"Wir fordern dringend die sofortige Einstellung der Angriffe und fordern beide Länder zur maximalen Zurückhaltung auf“, UN-Generalsekretär António Guterres.
Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, rief beide Seiten eindringlich zur Zurückhaltung auf und forderte, den Konflikt durch Dialog beizulegen, um eine dauerhafte Lösung zu erreichen. Kambodschas Premierminister Hun Manet betonte, sein Land habe stets eine friedliche Lösung angestrebt, sei jedoch durch die Angriffe zur Verteidigung gezwungen worden. Thailands geschäftsführender Premierminister Phumtham Wechayachai erklärte, es habe keine Kriegserklärung gegeben, jedoch seien Verhandlungen erst denkbar, wenn die militärischen Angriffe endeten. Derzeit bleibt der Konflikt auf die Grenzregion beschränkt.
Grenzstreit verschärft politische Krise in Thailand
Die militärischen Spannungen verschärfen eine ohnehin fragile innenpolitische Lage in Thailand. Bereits vor Ausbruch der Kämpfe hatte das thailändische Verfassungsgericht Premierministerin Paetongtarn Shinawatra vorläufig vom Amt suspendiert. Anlass war ein bekannt gewordenes Telefongespräch mit dem ehemaligen kambodschanischen Regierungschef Hun Sen, in dem Paetongtarn einen hochrangigen eigenen Militärvertreter als ihren Gegner bezeichnet hatte. Solche Aussagen gelten in Thailand als besonders sensibel, da das Militär traditionell großen politischen Einfluss besitzt und das Land in seiner Geschichte immer wieder von Putschen und Militärregierungen geprägt wurde.
Nach der Herrschaft einer Militärjunta von 2014 bis 2019 und einer von Militärkreisen dominierten Regierung bis 2023 leitete das Land zuletzt eine neue demokratische Phase ein. Mit den freien Wahlen zur Nationalversammlung im Jahr 2023 und den Senatswahlen 2024 schien der Einfluss des Militärs zurückzugehen. Doch das vom Militär geprägte Verfassungsgericht beeinflusst weiterhin die Politik. So ließ es 2024 die größte Oppositionspartei, die Move Forward Party, verbieten, und setzte Premierminister Srettha Thavisin nach einer Beschwerde militärnaher Senatoren ab.
Vor diesem Hintergrund gilt es als nicht unwahrscheinlich, dass auch Paetongtarn endgültig des Amtes enthoben wird. Sollte dies geschehen, wäre automatisch auch ihr gesamtes Kabinett entlassen.
Unsichere politische Perspektiven
Die politische Zukunft Thailands ist derzeit eng mit dem Grenzkonflikt verknüpft. Sollte das Verfassungsgericht Paetongtarns Absetzung bestätigen, sieht die Verfassung vor, dass ein neuer Premierminister aus einem kleinen Kreis von bereits zuvor registrierten Kandidaten gewählt werden muss. Für die regierende Phieu Thai Partei ist dies der 76-jährige Jurist und ehemalige Justizminister Chaikasem Nitisiri. Seine Wahl gilt jedoch als unsicher, da die bislang mitregierende Bhumjaithai Partei aus Protest gegen das Krisenmanagement der Regierung im Kambodscha-Konflikt die Koalition verlassen hat.
Die nächsten Entwicklungen sind kaum vorhersehbar: Möglich ist eine Fortsetzung der (teilweise defekten) demokratischen Öffnungspolitik – möglicherweise unter einem neuen Premierminister –, ebenso vorgezogene Neuwahlen oder, angesichts der wachsenden Spannungen zwischen Regierung, Opposition und Militär, sogar ein erneuter Putsch oder die Einsetzung einer Übergangsregierung durch das Militär. Vor diesem Hintergrund bleibt die politische Lage in Thailand fragil und von Unsicherheit geprägt.
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