Vietnam
Aufbruch ins digitale Zeitalter
Die vietnamesischen Experten informierten sich in Berlin über die Veränderungen in der Lebens- und Arbeitswelt, die das digitale Zeitalter mit sich bringt
HSS Vietnam
Wir befinden uns mittendrin – im Zeitalter der Digitalisierung. So gehören Smartphones nicht mehr nur zum Alltag, man kann inzwischen sogar damit bezahlen oder ganze Unterhaltungen mit digitalen Assistenten wie Alexa oder Siri führen. Sich der digitalen Welt zu entziehen, grenzt ans Unmögliche.
Digitalisierung und Automatisierung betreffen aber nicht nur unseren privaten Alltag, sondern vor allem auch unser Berufsleben. Digitalisierung ermöglicht vereinfachte Arbeitsprozesse, birgt gleichzeitig j das Risiko, dass bestimmte Berufe durch Automatisierung ersetzt werden. Digitalisierung bringt Freiheit und Flexibilität. So ist man beispielsweise weniger an feste Arbeitszeiten oder Arbeitsplätze gebunden. Allerdings erschwert Digitalisierung durch die Möglichkeit der ständigen Erreichbarkeit auch eine klare Abgrenzung zwischen Arbeits- und Freizeit.
All das erfordert Umdenken und neue-Denkansätze. Globalisierung, technischer Fortschritt und demographischer Wandel verändern die erforderlichen Arbeitskompetenzen, neue Formen von Arbeit entstehen. Dadurch verändern sich wiederum die Ansprüche an die Berufsausbildung in Zeiten der Industrie 4.0, Kompetenzentwicklung muss an das digitale Zeitalter angepasst werden, um weiterhin die Nachfrage des Arbeitsmarktes zu treffen. „Lifelong Learning“ ist zum beruflichen Motto unserer Zeit geworden.
Industrialisierung 4.0 und neue Herausforderungen
Bei Digitalisierung handelt es sich um ein weltweites Phänomen. Es lässt die Weltwirtschaft zusammenwachsen, stellt aber alle Länder gleichermaßen vor neue Herausforderungen.
„In Vietnam besteht die Gefahr, dass Bevölkerungsteile nicht von den Vorteilen der Digitalisierung profitieren, dem Wandel und den neuen Anforderungen nicht gerecht werden oder dass viele Jobs von künstlicher Intelligenz ausgeführt werden können.“, so Dr. Dao Quang Vinh, Direktor des Institute of Labour Science and Social Affairs (ILSSA). Bei seinem Institut handelt es sich um ein staatliches vietnamesisches Beratungsinstitut, das im Bereich der sozialen Sicherung und sozialen Arbeit tätig ist. Es berät das Arbeitsministerium und die Regierung beim Aufbau eines sozialen Sicherungssystems. Zudem ist es für die Entwicklung und Umsetzung von sozialer Politik und Strategien für z.B. den Arbeitsmarkt oder die Förderung von Arbeitskräften zuständig. Aktuell arbeitet ILSSA an einem neuen Arbeitsgesetz, das Vietnam für das digitale Zeitalter fit machen soll. Es sollen Voraussetzungen für einen flexiblen Arbeitsmarkt geschaffen und die Arbeitsmarktprognose verbessert werden.
Die Hanns-Seidel-Stiftung unterstützt ILLSA bei seiner Arbeit und bringt dabei spezifisch deutsche Lernerfahrung ein. Im Rahmen der Zusammenarbeit wurden Repräsentanten von ILSSA aus Vietnam nach Deutschland eingeladen. Mit deutschen Experten aus Politik und Wirtschaft tauschten sich die Gäste aus Vietnam über Risiken und Schwierigkeiten, aber auch Chancen und Herausforderungen im digitalen Zeitalter aus.
Gemeinsam stellten sich die Fachleute den Fragen: Wie können sich Länder am besten an den raschen Wandel anpassen? Wie kann der Erhalt von Arbeitsplätzen sichergestellt werden? Wie kann das Bildungssystem auf die digitalen Neuerungen reagieren? Wie kann die soziale Sicherheit erhalten bleiben? Welche Schritte müssen unternommen werden, um integratives und innovatives Wachstum im digitalen Zeitalter zu gewährleisten?
Die Gäste aus Vietnam vor dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi)
HSS Vietnam
Mit- und voneinander lernen
Die Inhalte der Studienreise umfassten brandaktuelle Themen, mit denen sich auch Politiker, Wissenschaftler, Unternehmer, Zivilgesellschaft und Medien zurzeit intensiv auseinandersetzen. Digitale Transformation, Globalisierung, demographischer Wandel, veränderte Nachfrage bei der Berufsbildung sowie am Arbeitsmarkt im Laufe des „Industriellen Revolutionsprozess 4.0“ waren Schwerpunkte kontroverser Diskussionen und fachlichen Austauschs zwischen der vietnamesischen Delegation und ihren deutschen Gesprächspartnern.
Vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und dem Institut für Zukunft der Arbeit GmbH (IZA) lernten die Teilnehmer deutsche Erfahrungen sowie Best Pratices im Umgang mit den Veränderungen durch Industrie 4.0 kennen. Die enge Zusammenarbeit zwischen der Regierung, Ministerien, Unternehmen und Wissenschaftlern in verschiedenen Fachforen ermöglichen Entwicklungsfreiräume für diesen Prozess, wodurch alle Beteiligte ihre Meinungen und Positionen teilen können. Des Weiteren bieten diese Foren die Möglichkeit der gegenseitigen Unterstützung bei der Anwendung moderner Technik. Informationen und Ergebnisse der von BIBB und IZA durchgeführten Studien zu veränderter Berufsbildung und Arbeitsmarkt waren für die vietnamesischen Teilnehmer von großem Nutzen und lieferten konkrete Orientierungsvorschläge für die künftige Berufsausbildung in verschiedenen Sektoren sowie Empfehlungen für eine zukünftige Anpassungspolitik Vietnams.
Umsetzung der Erkenntnisse
Als Resümee des Informationsaustausches fasst Oberregierungsrätin Christin Fröhlich vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie treffend zusammen: “In kaum einen Beruf ist der Mensch vollständig zu ersetzen.“
Ein klarer Überblick über den Umgang mit diesem Thema sowie mit Berufsbildung- und Arbeitsmarktpolitik in Zeiten der Digitalisierung ist von großer Bedeutung und konnte den Teilnehmern im Laufe der Studienreise vermittelt werden. Es ist zu erwarten, dass die erworbenen Kenntnisse in den Entwicklungsplan 2021-2025 sowie in die die nationale sozioökonomische Entwicklungsstrategie 2021-2030 einfließen.
Selbstverständlich lässt sich Digitalisierung und ihre Herausforderungen wie Berufsbildung- und Arbeitsmarktpolitik sowie der Umgang damit nicht von heute auf morgen lösen. Die Hanns-Seidel-Stiftung wird Vietnam auch weiterhin bei der Reform des Arbeitsmarktes unterstützen, damit alle Bevölkerungsgruppen von Digitalisierung und der Industrie 4.0 profitieren können und ein integratives sowie innovatives Wachstum realisiert werden kann. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem vietnamesischen Arbeitsministerium sowie der Abteilung für soziale Angelegenheiten, die der vietnamesischen Parlamentsverwaltung untersteht, kann das Wissen über Lifelong Learning erhöht und die Lernmotivation der Arbeitskräfte gefördert werden.
Stefan Burkhardt
Leiter
Michael Siegner
Projektleitung