Wahlen in Bosnien und Herzegowina
Neuer Präsident, alter Kurs?
Eine Seniorin gibt ihre Stimme in der überwiegend von bosnischen Serben bewohnten Republika Srpska (RS) in Bosnien und Herzegowina ab.
© Anadolu Agency/Imago
Der Staat Bosnien und Herzegowina besteht aus zwei weitgehend autonomen Entitäten – der überwiegend von bosnischen Serben bewohnten Republika Srpska (RS) und der Föderation Bosnien und Herzegowina (mehrheitlich Bosniaken und bosnische Kroaten) – sowie dem Sonderdistrikt Brčko. Die Entitäten verfügen über weitreichende Autonomie- und Vetorechte, die zentrale staatliche Reformen maßgeblich beeinflussen oder blockieren können.
Ergebnis und Einordnung
Gewonnen hat die Wahl mit knapper Mehrheit der vom ehemaligen Präsidenten unterstütze Siniša Karan, Kandidat der Allianz der Unabhängigen Sozialdemokraten (SNSD). Nach vorläufigen Endergebnissen entfielen etwas über 50 % der Stimmen auf Karan, knapp unter 48 % auf den Kandidaten der oppositionellen Serbischen Demokratischen Partei (SDS), Branko Blanuša. Die Wahlbeteiligung war mit 35% ungewöhnlich niedrig. Internationale Wahlbeobachter bewerteten den Wahlkampf insgesamt als frei, sehen aber institutionelle Vorteile zugunsten der langjährigen Regierungspartei. Die mit wenigen tausend Stimmen unterlegene Oppositionspartei Serbische Demokratische Partei SDS hat Unregelmäßigkeiten geltend gemacht und eine Überprüfung bzw. Wiederholung in einzelnen Wahlbezirken angekündigt.
Bedeutung für die europäische Annäherung Bosnien-Herzegowinas
Die EU hat Bosnien und Herzegowina im Dezember 2022 den Kandidatenstatus erteilt und im März 2024 die Eröffnung von Beitrittsverhandlungen beschlossen. Die Kommission legte aber eine Liste konkreter Reformprioritäten vor, die das Land erfüllen muss – insbesondere in den Bereichen Justiz, Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung und Funktionsfähigkeit staatlicher Institutionen.
Dass ein Kandidat der Dodik-Partei die Wahl gewinnt, bedeutet kurzfristig Kontinuität in den politischen Linien der Republika Srpska Skepsis gegenüber zentralstaatlichen Reformen und und die Betonung größtmöglicher Entitätsautonomie. Das kann die Umsetzung der von der EU geforderten Reformen erschweren (Gerichtsreformen, Übernahme europäischer Standards, Etablierung funktionierender staatlicher Institutionen etc). Gleichzeitig verfügt die EU über substantielle Hebel – politische Konditionalität, Fortschrittsberichte und finanzielle Instrumente – so dass formale Verhandlungsfortschritte weiterhin möglich sind — aber nur, wenn konkrete Schritte umgesetzt werden.
Kurzfristig besteht die Gefahr fortgesetzter Blockaden und „Hängezustände“ auf gesamtstaatlicher Ebene. Mittel- bis langfristig hängt der EU-Pfad entscheidend davon ab, ob es gelingt, die Entitäten stärker in einen reformorientierten politischen Konsens einzubinden.
Ausblick und die Rolle internationaler Akteure
Die personelle Änderung an der Spitze der RS kann dazu beitragen, den divergierenden Interessen der Entitäten des Landes zu begegnen und sowohl die innenpolitische Stabilisierung als auch die EU-Annäherung des Landes voranzubringen.
Auch die Projektarbeit der Hanns-Seidel-Stiftung in Bosnien und Herzegowina ist auf diese Ziele ausgerichtet. Sie fördert den volksgruppenübergreifenden Dialog, vertrauensbildende Zusammenarbeit und die gesellschaftliche Vernetzung, um Ressentiments abzubauen und moderat-proeuropäische Kräfte.
Wichtig ist hierbei weiterhin die internationale Beobachtung durch den Hohen Repräsentanten für Bosnien und Herzegowina, der OSZE sowie wirtschaftliche und finanzielle Anreize/Konditionalität seitens der EU. Solide EU-Perspektiven bleiben damit der wichtigste Anker, um moderat-proeuropäische Kräfte zu stärken und die politische Deeskalation im Land zu fördern.
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