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Isabel Schmiedel

Wir empfehlen, Gegenrede zu betreiben

Warum Gegenrede?

Gegenrede (oder engl. Counterspeech) ist ein mächtiges Mittel digitaler Zivilcourage, das uns allen im digitalen Diskurs zur Verfügung steht.
Wenn jemand etwas Hasserfülltes oder Schädliches sagt, halten wir dagegen. Zum einen treten Sie mit ihrem Gegenüber in einen Dialog, der einen Austausch auf Augenhöhe und einen Perspektivwechsel ermöglicht, vor allem aber senden Sie ein Signal an all die für Sie unsichtbaren Mitlesenden, die Ihre Konversation mitverfolgen: Hass bleibt nicht unwidersprochen. Und jede und jeder kann solchen Widerspruch leisten.

Bevor Sie loslegen, sollten Sie sich ein paar Gedanken über Ihre eigene Angreifbarkeit machen. Zwar müssen Sie nicht zwingend davon ausgehen, dass jemand diese missbraucht, dennoch ist es sinnvoll sich bewusst zu machen, welche Informationen eine fremde Person über Ihr Profil oder Ihren Namen herausfinden kann.
Die einfachste Lösung ist die Verwendung eines neutralen, je nach Plattform nach außen geschlossenen Profils. Wenn Sie oft Gegenrede üben wollen, bietet sich die Verwendung eines zweiten, gänzlich anonymisierten Profils an.

Wann ein Gespräch Sinn ergibt

Es liegt wahrscheinlich keine strafrechtliche Relevanz vor
Gegenrede ist dort sinnvoll eingesetzt, wo die Grenze des Strafrechts noch nicht überschritten wurde.

Wo das jedoch der Fall ist, reicht es nicht aus, die Aussage zu kritisieren oder ein Gespräch zu beginnen. Der Beitrag sollte entfernt und die Verfasserin oder der Verfasser zur Verantwortung gezogen werden. Wenn Sie glauben, einen solchen Beitrag vor sich zu haben, können Sie online schnell und einfach Anzeige erstatten. (Anzeige Offizialdelikt & Anzeige Antragsdelikt)

Beispiele

Jemand leugnet den Holocaust
Jemand setzt alle Geflüchteten mit Invasoren gleich
Jemand fordert, Angela Merkel gehöre an die Wand gestellt.
 

Die Person erscheint noch erreichbar
Zu einem Gespräch gehören immer zwei. Wenn Ihr Gegenüber weniger einen Austausch sucht als eine Litfaßsäule, an der es seine Meinung ins Netz hängen kann, wird hier kein produktives Gespräch zustande kommen. Das gleiche gilt für Menschen, deren Weltbild in sich so geschlossen ist, dass sie keine anderen Perspektiven zulassen können. In solchen Fällen können Sie kurz widersprechen – Sie erinnern sich an die stillen Mitlesenden – und weiterziehen.
 

Das Gespräch vergrößert nicht den Schaden des ursprünglichen Beitrags
Manche Nutzerinnen und Nutzer antworten in Gesprächen auf Social Media einfach mit weiteren Parolen. Wer also ein Gespräch anhand eines problematischen Postings in der Hoffnung beginnt, dessen Schaden einzudämmen, provoziert bei solchen Gesprächspartnerinnen und Gesprächstpartnern nur die Veröffentlichung weiterer schädlicher Aussagen. Dabei sollte man nicht auch noch unterstützen, denn durch die vielen Antworten unter dem Ursprungsbeitrag liest die Plattform diesen als besonders interessant und zeigt diesen mehr Nutzerinnen und Nutzern an. Die Reichweite der schädlichen Inhalte erhöht sich also. In diesem Fall empfiehlt es sich nicht, ins Gespräch einzusteigen, sondern dem Beitrag Reichweite zu entziehen.

Die Haltung

Lassen Sie sich angesichts eines drastisch formulierten Kommentars nicht dazu verführen, sich genauso impulsiv auszudrücken, wie Ihr Gegenüber. Uns alle macht Hassrede zuweilen wütend oder fassungslos.

Es lohnt sich aber, sachlich und respektvoll zu bleiben.

Machen Sie es sich auch nicht zum Ziel, eine Diskussion “zu gewinnen” – das hängt von zu vielen Faktoren ab, auf die Sie gar keinen Einfluss haben. Wenn Sie nach dem Gespräch jemandem eine neue Perspektive aufgezeigt haben oder stille Mitlesende gesehen haben, dass eine hasserfüllte Aussage nicht unwidersprochen bleibt, haben Sie schon einen positiven Beitrag geleistet. Möglicherweise nimmt sich jemand nächstes Mal ein Beispiel an Ihnen. Außerdem: Übung macht den Meister und mit jedem Gespräch lernen Sie etwas dazu.

Mit wem spreche ich da?

Bei Diskussionen in Kommentarspalten wissen wir erstmal nichts über unser Gegenüber. Wir können uns zwar unter Umständen das Profil anschauen und uns anhand der dort verfügbaren Informationen ein oberflächliches Urteil bilden, tatsächlich kennen wir die Person aber nicht. Wir wissen weder um ihre Erfahrungen noch ihr Weltbild oder die Motive, die letztlich zum Absetzen eines Beitrags oder Kommentars geführt haben. Es kann sich um eine authentische Person handeln oder ein Profil, das bewusst politische Signale im Diskurs platziert. Behalten Sie im Hinterkopf, dass Ihre Annahmen falsch sein können, und dass es Menschen im Diskurs gibt, die viele gefälschte Profile betreiben, um eine politische Stimmung zu suggerieren.

Der Gesprächseinstieg

Überlegen Sie, wie Sie zu dem geäußerten Gedankengut stehen und finden Sie heraus, mit wem Sie es zu tun haben.
Mit Fragen können Sie erstmal Informationen sammeln. Wo kommt die getätigte Aussage her? Was will Ihr Gegenüber eigentlich sagen und warum hat jemand diese Haltung entwickelt?

Fragen sind außerdem ein praktisches Hilfsmittel, um jemanden aus der Reserve zu locken.
Wieviel Substanz steckt wirklich hinter einer dramatisch vorgetragenen, absoluten Aussage? Oft plappern Nutzerinnen und Nutzer einfach Dinge nach, die sie irgendwo gehört haben, ohne sich der Schwere der Aussage direkt bewusst zu sein.

Auch tragen viele Nutzerinnen und Nutzer einen berechtigen Frust in sich, den sie allerdings auf destruktive Art und Weise äußern. Der Frust ist dabei verständlich und steht ihnen zu – das Verletzen anderer aber nicht. Bleiben Sie also sachlich, respektvoll und freundlich und diskutieren Sie so mit Ihrem Gegenüber, dass stets eine Tür offenbleibt, Aussagen zu reflektieren ohne Gesicht zu verlieren. Wenn Sie einen Schmerz hinter einer Aussage wahrnehmen zeigen Sie das und nehmen Sie ihn an. Ziehen Sie aber deutlich dort die Grenze, wo diskriminierendes Gedankengut geäußert wird. Wenn Sie eine eigene Perspektive auf das Thema haben, bieten Sie diese als Alternative an. Wo möglich, laden Sie ihre Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner zu einer lösungsorientierten Denkweise ein.

Beispiel für strafrechtliche Relevanz

Ein Nutzer beklagt sich darüber, dass in Deutschland soziale Missstände herrschen, die nicht angegangen würden, jetzt aber bekämen Geflüchtete von außerhalb alles, was sie wollten. Dabei hätten die das doch gar nicht verdient und könnten bleiben, wo der Pfeffer wächst.


Mögliche Reaktion:

„Ich höre bei Ihnen eine Menge Verunsicherung und Frust heraus, die ich gut verstehen kann. Was ich nicht verstehen kann, ist, wieso Sie deshalb eine andere hilfsbedürftige Bevölkerungsgruppe pauschal beleidigen. So löst sich ja nicht Ihr Problem, sie tragen aber zu einem anderen aktiv bei und richten damit Schaden an. Das haben die betroffenen Menschen nicht verdient. Wie könnte man denn Ihr Problem lösen, ohne woanders Schaden anzurichten?“

Werden Sie niemals beleidigend. Reflektieren Sie die Argumente Ihres Gegenübers ernsthaft – wir alle haben blinde Flecken und Vorurteile, die wir entdecken und entschärfen können. Auch Ihr Gegenüber hat Gründe, weshalb es sich gerade so verhält. Lernen Sie diese kennen und zeigen Sie auf, wie man damit umgehen kann, ohne anderen Schaden zuzufügen.

Aus der Trickkiste

Wer keine inhaltlichen Argumente hat, versucht mit rhetorischen Manövern eine Diskussion für sich zu entscheiden. Das Repertoire ist dabei begrenzt, meistens wird in eine Trickkiste mit nur einer Handvoll Manövern gegriffen. Wer sie kennt, kann sie entkräften und das Gespräch wieder auf die Sachebene zurückführen. Drei typische Formen sind Whataboutism, das Argument des Schweigens und die Selbstviktimisierung:
 

1. Whataboutism („Ja, aber was ist denn mit,…?“)

Oft wird dieses Manöver verwendet, wenn man kein Argument zum eigentlichen Thema hat, dieses Thema aber auch nicht stehen bzw. gelten lassen will. Deshalb versucht jemand das Gespräch auf ein Thema zu lenken, in dem er*sie sich besser behaupten kann. Man kann bei Whataboutism direkt oder indirekt darauf hinweisen, dass man das Manöver erkannt hat, es unsachlich ist und dass man gerne zum Thema zurückkommen möchte.


Beispiel

Jemand antwortet auf das Leid Geflüchteter mit “Ja, aber was ist mit den Obdachlosen?”


Mögliche Antwort

“Das ist auch ein interessantes Thema, dem wir uns gerne noch widmen. Zuerst würde ich mich aber Ihre Meinung zum aktuellen Thema interessieren."

 

2. Argument des Schweigen

Beim Argument des Schweigens wird eine Aussage zu Thema A als absichtliches Verschweigen von Thema B interpretiert. Hier sollte man sich nicht inhaltlich in die Ecke drängen lassen und verschreckt konstatieren, dass man ja sehr wohl an Thema B interessiert ist – denn dann hat das Gegenüber es geschafft, das Thema zu wechseln und einen in die Defensive zu treiben. Stattdessen sollte man ganz einfach aufklären, dass eine nicht gefallene Aussage nicht interpretiert werden kann, und zum Thema zurückkehren.


Beispiel 

In einem Gespräch über Rechtsextremismus in Deutschland wird als Reaktion auf eine Frage der Vorwurf erhoben, man unterstütze Linksextremismus, weil man dazu ja noch gar nichts gesagt habe.


Mögliche Antwort

"Nichts dergleichen habe ich gesagt, also lassen Sie uns bitte beim Thema bleiben. Ich fragte Sie gerade,…“

 

3. Selbstviktimisierung

Selbstviktimisierung bedeutet, sich selbst als Opfer darzustellen, im Gesprächskontext gerne auch als Ihr Opfer. Der Vorteil daran ist, dass man sich so unangreifbar macht und sich freier bewegen kann – auch wenn diese Bewegungsfreiheit genutzt wird, um selbst Schaden anzurichten. Lösungen für diese Gesprächssituation können sein, die behauptete Grundlage dieser Selbstviktimisierung zu hinterfragen und darauf hinzuweisen, dass nichts einen Angriff auf andere Menschen rechtfertigt. Auch der Hinweis darauf, wer sich hier gerade tatsächlich bedrohlich verhält, ist angebracht.

Beispiel 

Jemand behauptet, die Politik würde mit Schutzmaßnahmen gegen Corona die Bevölkerung unterwerfen und verhalte sich undemokratisch. Deshalb verbreite er möglichst viele Falschinformationen über Messengerdienste, um die Leute zum Umdenken zu bringen.


Mögliche Reaktion

"Ich erlebe dieselbe Situation wie Sie und finde sie unbequem, aber weder unterwerfend noch undemokratisch. Die Regierung versucht uns zu schützen. Was hingegen schädlich ist, ist das aktive Verbreiten von falschen Informationen. Menschen müssen sich schützen können, Falschinformationen zu verbreiten, die dies verhindern sollen, ist inakzeptabel"

Wissen, wann Schluss ist

Gegenrede kann anstrengend sein. Seien Sie sich bewusst, dass Sie jederzeit aus einem Gespräch aussteigen können: Sie schulden Ihrem Gegenüber nichts. Nutzen Sie bei Bedarf auch Stummschalte- oder Blockfunktionen. Jeder und jede kann im digitalen Diskurs den eigenen kleinen Beitrag leisten. Wer das tut, hilft mit, das Internet wieder freundlicher und vernünftiger zu machen – Schritt für Schritt.

Wenn Sie Gefallen an Gegenrede finden und mehr in dieser Richtung tun möchten, können Sie sich mit anderen zusammentun und gemeinsam aktiv werden. So können Sie sich beispielsweise einer Initiative wie ichbinhier anschließen. Die Nutzerinnen und Nutzer koordinieren sich und gehen gezielt in solchen Kommentarspalten in die Diskussion, in denen es gerade besonders hoch hergeht.

Das Wichtigste: Gegenrede ist gelebte digitale Zivilcourage. Wenn jeder Hasskommentar eine oder einen findet, der widerspricht, sind wir schon einen großen Schritt weiter.

Viel Erfolg!

Eine Zusammenarbeit der Hanns-Seidel-Stiftung mit Reconquista Internet / Hassmelden

Die Meldestelle Hassmelden wurde eingestellt. Grund dafür ist die Menge an täglichen Meldungen, welche von ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen nicht mehr bearbeitet werden kann.