Wir empfehlen, Reichweite zu nehmen (passive Gegenrede)
Warum Gegenrede?
Gegenrede (oder engl. Counterspeech) ist ein mächtiges Mittel digitaler Zivilcourage, das uns allen im digitalen Diskurs zur Verfügung steht. Haben Sie es aber mit einem Kommentar zu tun, der Hass ausdrückt oder schürt, so können Sie Gegenrede einsetzen. Zum einen treten Sie mit ihrem Gegenüber in einen Dialog, der einen Austausch auf Augenhöhe und einen Perspektivwechsel ermöglichen, vor allem aber senden Sie ein Signal an all die für Sie unsichtbaren Mitlesenden, die Ihre Konversation mitverfolgen: Hass bleibt nicht unwidersprochen. Und jede und jeder kann solchen Widerspruch leisten.
Ein Gespräch ist wie eine Litfaßsäule
Wenn eine Nutzerin oder ein Nutzer ein Gespräch allerdings nur dafür verwendet, um immer mehr hasserfüllte Aussagen zu platzieren, ist klassische Gegenrede fehl am Platz. Das Gegenüber ist dann eher nicht an einem echten Austausch interessiert, sondern an einer möglichst reichweitenstarken Platzierung von Parolen. Wer hier hartnäckig Argument um Argument versucht, die Person umzustimmen, hilft dabei, diese Reichweite zu erlangen – und das kann ja nicht Sinn der Sache sein.
Beispiel:
Nutzer 1: Ich fürchte mich vor Menschen mit dunkler Hautfarbe.
Nutzer 2: Wie darf ich das verstehen? Die Hautfarbe hat nichts mit dem Charakter eines Menschen zu tun.
Nutzer 1: Man kann in Deutschland gar nicht mehr auf die Straße gehen!
Nutzer 2: Also ich fühle mich auf Deutschlands Straßen sehr sicher. Was befürchten Sie denn genau, wenn Sie rausgehen?
Nutzer 1: Ich verstehe auch überhaupt nicht, warum die Regierung immer mehr von denen ins Land holt… wir haben doch unsere eigenen Probleme!
usw.
Beiträge mit vielen Reaktionen werden öfter gesehen
Grund ist, dass Social Media Plattformen wie Facebook, Twitter oder Instagram ihren Nutzerinnen und Nutzern möglichst solche Beiträge zeigen wollen, die besonders interessant sind. Das liegt daran, dass die Geschäftsmodelle aufgrund von Werbeeinnahmen darauf angewiesen sind, dass Nutzerinnen und Nutzern maximal viel Zeit auf den Plattformen verbringen. Und das wiederum funktioniert nur, wenn die angebotenen Inhalte entsprechend interessant sind.
Bei Diskussionen wird diese inhaltliche Relevanz an der Menge der Reaktionen zu einem Beitrag oder Kommentar festgemacht. Hat beispielsweise ein Kommentar auf Facebook viele Antworten oder Likes bekommen, so hält die Plattform diesen für besonders relevant und zeigt ihn weiter oben an, wo ihn mehr Leute sehen. Dadurch reagieren auch wieder mehr Menschen darauf, was die Relevanz weiter steigert. Wenn wir also Menschen mit Gegenrede begegnen, die diese nur als Anlass zur Verbreitung von mehr Hass nehmen, entsteht ein Kreislauf, in dem Hass und Hetze besonders viele Menschen erreichen. Das sollten wir nicht unterstützen.
Hass keine Reichweite schenken
Wenn Sie es also mit einer Person zu tun haben, die sich diese Mechanik zu Nutze macht um Hass zu verbreiten, sollten Sie folgendes tun:
Stellen Sie sich vor, Sie sehen auf Facebook hasserfüllte Kommentare unter einem Nachrichtenbeitrag.
- Widerspruch sichtbar machen
Sorgen Sie dafür, dass dem Kommentar einmal widersprochen wird. Wenn das schon jemand getan hat, ist das bereits ausreichend. Es geht darum, dass Hass nicht unwidersprochen stehen bleiben soll – auch, wenn kein ausführliches Gespräch möglich ist.
- Andere sichtbarer machen
Danach stärken Sie die Kommentare, die andere Nutzerinnen und Nutzer unter dem Nachrichtenbeitrag abgesetzt haben. Das können Sie tun, indem Sie auf diese Kommentare antworten oder sie liken. Teilen Sie doch dem Verfassenden eines besonders vernünftigen Kommentars mit, dass Sie seine Positionierung gut finden! So wird er und andere darin bestärkt, auch in hitzigen Diskussionen sachlich zu bleiben. Das ist besonders dort hilfreich, wo jemand für seinen sachlichen Kommentar bereits selbst mit Hassrede bedacht wird – was leider oft vorkommt.
- Mit gutem Beispiel vorangehen
Setzen Sie selbst einen oder mehrere Kommentare ab, wie Sie sie gerne sehen würden. Zeigen Sie, wie man sachlich, vernünftig und durchaus kritisch diskutieren kann, ohne ausfallend zu werden oder andere zu beleidigen.
Diese Vorgehensweise sorgt schrittweise dafür, dass sachlichen und vernünftigen Beiträgen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, gemäßigte und freundliche Nutzerinnen und Nutzer Unterstützung und Ermutigung erfahren und hasserfüllte Postings immer weiter nach unten und damit schrittweise in die Irrelevanz rutschen. Stille Mitleserinnen und Mitleser werden daran erinnert, wie ein normaler Austausch im Netz aussehen kann und nehmen sich möglicherweise selbst ein Beispiel daran.
Immer im Hinterkopf: Schädliche Postings melden oder anzeigen
Wenn Sie in erhitzten Kommentarspalten unterwegs sind, sehen Sie viele verschiedene Kommentare. Diesen Kommentaren und Beiträgen, deren Stehenbleiben Sie für schädlich halten, sollten Sie nicht nur mit Gegenrede begegnen, sondern darauf hinwirken, dass diese entfernt und ggf. strafrechtlich verfolgt werden. Inhalte, die Sie für potenziell strafrechtlich relevant halten, können Sie über die Meldestelle REspect! zur Anzeige bringen (zenrale Meldestelle für Hassrede) 1. Solche, die Sie nicht als strafrechtlich relevant einschätzen, aber als schädlich für ein gutes Miteinander auf der Plattform, können Sie bei der jeweiligen Plattform melden.
1 Mehr Informationen zur Meldestelle REspect!
Die Meldestelle REspect! ist die zentrale Meldestelle für Hatespeech. Dort wird geprüft, ob möglicherweise eine strafrechtliche Relevanz vorliegen könnte. Die Meldung dauert in jedem Fall nur wenige Sekunden und hilft dabei, das Internet wieder ein bisschen sicherer und freundlicher zu machen.
Weitere Infos über die Meldung von Vorfällen finden Sie hier:
Anzeige Offizialdelikt
Anzeige Antragsdelikt
Eine Zusammenarbeit der Hanns-Seidel-Stiftung mit Reconquista Internet / Hassmelden
Die Meldestelle Hassmelden wurde eingestellt. Grund dafür ist die Menge an täglichen Meldungen, welche von ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen nicht mehr bearbeitet werden kann.