Wertekompass/2
Zukunft braucht Herkunft: Was ein moderner Konservatismus heute leisten muss
Brüssel zwischen Tradition und Moderne: Europas Zukunftsfähigkeit entscheidet sich auch daran, ob es gelingt, das eigene Erbe zu bewahren und daraus neue politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Innovationskraft zu entwickeln.
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Tradition als Voraussetzung von Innovation
Tradition steht für Herkommen, das Erbe, das einer Generation anvertraut ist. Tradition bedarf aber auch bewusster Aneignungsakte gemäß Goethes Wort: „Was Du ererbt von deinen Vätern hast, erwirbt es um es zu besitzen“.1 Das Erbe, das mitgegeben ist, aus Herkunft, erfordert eigene Aneignungsakte damit es in wirklichen Besitz übergeht. Dies gilt für das, was jemand an äußeren Gütern von seinen Vorfahren übernimmt. Es gilt noch mehr für die ererbten Werte der Tradition. Innovation erfordert die Kraft, aus der Herkunft Neues hervorzubringen. Traditionen, die angeeignet werden, führen zu Innovationen. China ist deshalb auf den Weltmärkten so stark, weil es innovativ ist und innovativ ist es, weil es auf seine alten Traditionen zurückgreifen kann. Was der Westen „Plagiat“ nennt, ist für China2 zuerst aus Achtung gegenüber den Plagiierten begründet. China bleibt nicht bei der Nachahmung stehen. Es konkurriert mit den Zivilisationen, aus denen es schöpft. Die alte Religion bzw. Kultur des Konfuzianismus bietet ein festes Fundament, um sich zu öffnen. Das Tradierte setzt Innovation voraus, um angeeignet werden zu können.
1. Innovation und Tradition: Gegenläufig und doch zusammengespannt
Zukunft braucht Herkunft
Die Verbindung von Tradition und Innovation bestimmt liberal konservative Identität seit den Anfängen. Sie ist zugleich ein Spannungsverhältnis. Tradition wurde immer wieder auch als Herkommen, Innovation als zukünftiges Potential verstanden. In der Ära Edmund Stoibers brachte die CSU dies auf den populären Nenner „Laptop und Lederhose“.3 Goethe brachte dies auf die Formel: „Wer sich nicht vor drei Jahrtausenden weiß Rechenschaft abzulegen, bleibt unerfahren/ Mag von Tag zu Tage leben“.4 Die Quintessenz ist: Zukunft kann es nicht ohne Herkunft geben.5 Doch die Herkunft kann erst im Blick auf Zukunft produktiv werden. Man sieht dies unter anderem daran, dass selbst revolutionäre Bewegungen in der Kunst auf schon Dagewesenes bezogen sind. Obwohl die Zwölftonkunst (Arnold Schönbergs und Alban Bergs) einen starken Bruch in der Musik signalisiert, wird sie als zweite Wiener Schule nach der klassischen Wiener Schule von Mozart und Beethoven benannt. Selbstverständlich gilt dies auch für andere Kunstgattungen. Literarische Texte spielen auf Vorlagen aus der Klassik an, Paul Celan geht auf den Psalter zurück.
Die politische Mitte zwischen den Extremen
Ingeborg Bachmann auf hymnischen Lobpreis. In der Malerei werden gleichfalls alte Motive wiederholt aufgegriffen. Hans-Georg Gadamer sprach in seiner Hermeneutik von „Horizontverschmelzung“. Es geht um die Bestimmung der Gegenwart, die am Kreuzungspunkt zwischen Vergangenem (Tradition) und Potentialen des Zukünftigen (Innovation) sich fassen lässt. Die Balance zwischen Innovation und Tradition kann ein Imperativ des bürgerlichen republikanischen Konservatismus sein. Als mehrjähriges Mitglied in den Forschungscolloquien des ehemaligen bayerischen Kultusministers Hans Maier (geboren 1931), des damaligen Inhabers des Guardini-Lehrstuhls, der ein Projekt über Totalitarismus und Politische Religionen an die Ludwig-Maximilians-Universität München zog, kenne ich die Phänomene der radikalen Linken und der nationalistischen Rechten nicht nur aus der Geschichte, sondern auch aus den Innenansichten der Ideologien.6 Aus den Selbstdarstellungen der Parteien, die in einem mehrbändigen von Maier edierten Werk über Totalitarismus und Politische Religionen in Quellen und Darstellungen beleuchtet wurden. Darin werden die Kippunkte, wie die bürgerliche Gesellschaft ihre Mitte verlieren kann und ins Extrem umschlägt, eindrücklich behandelt. Dies geschah im 20. Jahrhundert in erschütternder Weise.7 Franz Josef Strauß, der zu Maier ein eher gespanntes Verhältnis hatte, wobei die Spannungen auf Gegenseitigkeit beruhten, billigte Maier zu, ohne ihn oder andere seinesgleichen würde die CSU eine „Bierdümpfelpartei“.
2. Der Aufstieg der nicht-europäischen Mächte
Europa in einer veränderten Weltordnung
Wie ist es heute um den Status Europas bestellt, um dessen Selbstverständnis und außenpolitische Bedeutung? Außereuropäische Mächte spielen zunehmend weltpolitisch eine Rolle. Fareed Zakaria schrieb schon vor mehr als einem Jahrzehnt vom „Aufstieg der anderen“.8 Die gegenwärtige politische Weltlage ist buchstäblich nicht mehr von Europa bestimmt. Und sie ist aus den Fugen geraten. Ein klar tariertes Weltgleichgewicht wie im Kalten Krieg existiert längst nicht mehr. Das „Gleichgewicht des Schreckens“ war zumindest eine Konstante. Raymond Aron formulierte: „Krieg unmöglich, Frieden unwahrscheinlich“. Auch global scheint die gegenwärtige Welt dem Chaos näher, dem Weltungleichgewicht als einer neuen Weltordnung. Freund-Feind-Differenzen treffen ebenso wenig zu wie die Rede vom „Ende der Geschichte“, die Francis Fukuyama nach Ende des Kalten Krieges ausrief. Dies zeigt sich in einer sich rapide beschleunigten Entwicklung während der vergangenen zehn, ja fünf Jahre. Vor allem darin, dass die US-Regierung unter der zweiten Trump-Administration und China die heutigen primären Global Player sind. China hat nicht nur aus dem Eigenen geschöpft, sondern sich auch am Anderen, Fremden bedient: lernend und zugleich als Konkurrent blickte China in die USA und nach Europa. Längst sind chinesische Unternehmen nicht mehr den westlichen Strategien unterlegen, sondern sie übertreffen jene bei weitem.
China, Russland und Indien als neue Machtzentren
Putins Russland fordert die westlichen Mächte aggressiv in ihre Schranken. Putin orientiert sich am Ziel der Wiederherstellung der alten Sowjetunion. Weniger denn je ist zu übersehen, dass er alte Visionen der Sowjetunion ins 21. Jahrhundert überträgt. Er greift noch tiefer zurück. Unübersehbar ist auch seine KGB-Vergangenheit. Der Überfall auf die Ukraine setzte insofern eine Zäsur, auch wenn schon die Annexion der Krim 2014 erstmals zeigte, dass er keineswegs „lupenreiner Demokrat“ war (so die Beschreibung des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder). Auch Indien ist als Innovationsmacht vor allem auf dem IT-Sektor fast unbemerkt erstarkt. Europa schwieg. Die Trump-Administration folgt eher einem Modell des Deal Making als dem Gleichgewichtsspiel. Komplexer ist die chinesische Politik unter Xi Jinping. Sie operiert mit immensen Inventionen bzw. Innovationen und flutet die Weltmärkte mit kostengünstigen Technologien auf dem Weltmarkt, unter anderem elektrisch betriebenen selbstfahrenden Autos. Europäische Inventionen bleiben weit hinter der amerikanischen und vor allem chinesischen Konkurrenz zurück. China expandiert sehr stark nach Afrika. Der Konfuzianismus überlebte Maos Kulturrevolution.9 Solche Prägungen sind noch lebendig.
Die USA und die Erosion transatlantischer Gewissheiten
Bemerkenswert ist, dass sowohl in den USA als auch in Russland Religion ein Faktor der Politik ist. Säkularisierung zeigt sich mittlerweile als europäischer, insbesondere deutscher Sonderweg. Die USA veränderten sich schon in der ersten Amtszeit Donald Trumps. Sie sind längst nicht mehr verlässlicher Verbündeter und Schutzmacht Europas. In seiner zweiten Amtszeit verfolgt Trump eine aggressive Hochzollpolitik, die dem eigenen Land letztlich am meisten Schaden zufügt. Dies ist jedoch kein Spezifikum der US-amerikanischen Rechten. Denn bereits in Vorgängeradministrationen – auch unter demokratischen Regierungen ( Obama, Biden) – zeichnete sich ab, dass Europa mehr für seine Sicherheitsinteressen wird tun müssen. Neu allerdings ist, dass Trump das westliche Bündnis offen in Frage stellt. Ebenso einen eigenen Akzent setzt Trump dadurch, dass er sich fast ausschließlich mit Millionären oder Billionären seines eigenen Umfelds umgibt. Alarmierend muss sein, dass Diplomatie unter Trump zum Erliegen kommt und durch „Dealmaking“ ersetzt wird. Geschäftsinteressen überlagern die nationalen Interessen. Ebenso alarmierend ist die nicht verhohlene Verachtung Trumps gegenüber der Gewaltenteilung, dem Wesenskern des Rechtsstaats. Immerhin sind die USA die älteste und zugleich größte neuzeitliche Demokratie. Nicht minder alarmierend muss sein, dass unter Trump universitäre Bildung auf allen Ebenen blockiert und Studienaufenthalte europäischer Studenten massiv erschwert werden. Trump sagte kurz nach seiner Wiederwahl, als Versprechen an seine Wähler, sie würden nun nicht mehr wählen müssen. Dies ist gewiss eine rhetorische Übertreibung gewesen, wie manches bei diesem Präsidenten. Doch signalisiert dies doch eine Gewichtsverlagerung der USA in den pazifischen Raum bzw. einen Rückzug der USA auf sich selbst. „America first“ lässt sich von Europa oder erst recht Deutschland nicht einfach imitieren, nicht auf ein „Europe first“ übertragen. Was in Stein gemeißelt schien, die US-amerikanische Rechtsstaatlichkeit und Demokratie ist binnen weniger Jahre fragil geworden.
Chinas Verbindung von Tradition und Innovation
Erstaunlich ist es, dass Chinas Aufstieg in der Weltpolitik und globalen Industrie zu dessen Machtstellung wesentliches beitrug und auch Russland neue Bündnismöglichkeiten eröffnete. Putin kann auf die BRIX-Staaten zählen. Er ist weltweit nicht so isoliert, wie es die EU wünscht. Bemerkenswert ist Chinas Bedeutung nicht nur – so wie noch Helmut Schmidt durchaus zu Recht meinen konnte –, weil ein autokratisches System wirtschaftliche Reformen zulässt, also autoritäres politisches System und kapitalistische Ökonomie neben einander bestehen. Vielmehr hat der Erfolg mit der souveränen Balancierung von Tradition und Innovation zu tun. Grundsätzlich ist in jedem Fall Tradition zu beachten, um Innovationen hervorzubringen. Die chinesische Tradition erwies sich erstaunlich langlebig. Sie überdauerte Jahrtausende, wie angedeutet wurde, auch die „Kulturrevolution“ unter Mao Zedong.
Europas schwieriger Umgang mit der eigenen Tradition
Anders ist es mit europäischen Traditionen. Sie wurden unter anderem durch die Studentenrevolte von 1968 massiv geschwächt oder sogar außer Kraft gesetzt. Deutschland hat es durch den massiven Kulturbruch der NS-Zeit aus offensichtlichen Gründen schwerer als andere europäische Nationen, wie insbesondere Frankreich und Italien, Traditionen wieder zu gewinnen. In den letzten Jahrzehnten zeigte sich, wie NS-kontaminiert die Eliten sowohl in Justiz wie in Medizin, von den Geisteswissenschaften gar nicht zu reden, durch den Nationalsozialismus waren. Dies wurde lange zu wenig thematisiert. Die heutige Quellen- und Forschungslage lässt nicht mehr über Versäumnisse hinwegsehen. Dies ist in Frankreich und Italien ersichtlich anders. Keineswegs jede Tradition ist erhaltenswert. Es bedarf nach Walter Benjamin einer „rettenden Kritik“ bzw. „kritischen Rettung“, die scharfe Schnitte zwischen das Bewahrenswerte und das Nichthaltbare legt. Dieser Schnitt muss fallweise geschehen. Wenn eine solche Leistung gelingt, so hat Europa freilich die Chance, das Alte nicht unreflektiert weiter zu tradieren, sondern die Verbindung zwischen Tradierung und Moderne zuzulassen.
3. Das nicht mehr selbstverständliche Bürgertum
Politische Neuanfänge nach historischen Brüchen
Das Wesen des Bürgertums war nach der Französischen Revolution nicht mehr selbstverständlich; es musste neu gedacht, gelebt und begründet werden. Die Guillotine, die alles gleichmachte, wie der Tod, war das frappierende Zeichen des Bruches zu Alteuropa. Erfunden wurde sie von einem Arzt und in der Französischen Revolution wurde sie exzessiv gebraucht. Kann aus einem solchen Bruch Neues hervorgehen? Die Zäsur des Jahres 1945 reichte ähnlich tief wie die Französische Revolution im späten 18. Jahrhundert. Sie nötigte dazu, den Status quo grundlegend zu überprüfen und aus dieser Überprüfung Konsequenzen zu ziehen. Diese Konsequenzen wurden auch faktisch gezogen. Wenn man an das bürgerliche Parteienspektrum in Deutschland, insbesondere Bayern nach dem Zweiten Weltkrieg denkt, ist offensichtlich, dass nach 1945 Neues entstanden ist. Es ließ sich an die Parteienlandschaft vor dem Bruch von 1933 nicht anknüpfen als wäre nichts geschehen. Dies bedeutete eine Innovation, eine Neuausrichtung der Parteienlandschaft.
Die CSU als Verbindung unterschiedlicher Traditionen
Im Blick auf die CSU kann dies besonders prägnant verdeutlicht werden. Sie ist keineswegs katholisch orientiert, wie es bayerische Parteien vor 1933 waren. Dennoch kamen nur zwei Mal protestantische und fränkische Politiker zum Ministerpräsidentenamt, nämlich Günther Beckstein und Markus Söder. Die Christlich Soziale Union, um den Fokus auf sie zu konzentrieren, vereinigte katholische und evangelische, auch jüdische Bürger unter einem umgreifenden Dach. Das beförderte die Überzeugungskraft der neuen C-Parteien, die plötzlich einen großen Wähleranteil unter sich sammeln konnten und für Jahrzehnte eine große Mehrheit stellten. Traditionsbindung verankert die CSU in der bayerischen Identität. Tradition und Innovation gehen insofern zusammen, als die CSU – auch die CDU – nicht nur auf das konservative Moment begrenzt ist, sondern zugleich das soziale Moment und einen liberalen Zug integriert. Überzeugend wirkte sich die staatspolitische Verantwortung aus, die mit Gründen zeigen konnte, dass die Staatsraison über die Parteiraison gestellt wurde.
Von BVP und Zentrum zu den C-Parteien
Die Bayerische Volkspartei (BVP) war stärker katholisch geprägt als das Zentrum. Sie wandte sich gegen die Einheitsstaatlichkeit. Dabei war sie primär die Partei der Oberschichten, also des Besitzbürgertums und der Industriellen. Es gelang nicht, auch die Arbeiterschaft an sich zu binden. Der Beweis, dass Bonn nicht Weimar sei10, musste nach 1945 nicht nur behauptet, sondern konkret angetreten werden. Das Zentrum und die BVP waren zu einer solchen Bindekraft nicht fähig wie sie der CSU nach 1945 glückte. Das Zentrum war zwar in allen bayerischen Regierungen und sogar im Reichstag vertreten. Zwischen 1918 und 1933 kamen fünf Reichskanzler aus dem Zentrum. Versuchte Neubegründungen nach 1945 blieben marginal. Das Zentrum hatte sich auf den Katholizismus gestützt, sein Erfolg ist darin begründet, dass es ein Gegengewicht zum preußisch protestantischen Hauptstrom bildete. Tendenzen des Zentrums wie die Friedensförderung und die Verantwortung vor Gott und den Menschen hatten über den Zusammenbruch von 1945 hinaus Bestand. Insofern gibt es Teilidentitäten mit der CSU, aber eben nur Teilidentitäten.
4. Tradition und Innovation in den Wissenschaften
Tradition und Fortschritt sind keine Gegensätze
In den Geistes- bzw. Kulturwissenschaften äußert sich die Formierung der Tradition, in den Natur- und Technikwissenschaften jene der Innovation. Wen interessiert die Medizingeschichte um ihrer selbst willen? Die Entdeckung des Penicillins setzte eine klare Zäsur in der Bekämpfung von Viren. Geschichte der Physik ist ebenso wenig eine Kerndisziplin. Vor der Relativitäts- und Feldtheorie verblasste die Newtonsche Physik. Altes erscheint als obsolet. Dennoch ist diese Antithese zu oberflächlich. Beide Pole, Innovation und Tradition, sind durchaus in den verschiedenen Wissenschaften aufzufinden. Geisteswissenschaften kennen sehr wohl Innovationen: Editionspraktiken verfeinern sich, allein durch den weltweiten Austausch und dank der Digitalisierung.
Aus der Wissenschaftsgeschichte für die Zukunft lernen
Die andere Seite: In der Medizin kann die Kenntnis der Geschichte des Faches durchaus eine Rolle spielen; insbesondere gilt dies für Diagnostik und die Kultivierung der Urteilskraft in ihrem Gebrauch.11
Forscherinnen und Forscher haben Möglichkeiten zu internationaler Vernetzung, von denen frühere Generationen nicht einmal träumen konnten. Die Traditionsbildung in Natur und ökonomischen Wissenschaften hat eine eigene Kraft: Blicke ins Vergangene können neue Zukunftshorizonte öffnen. In der Ökonomie müssen verstärkt makroökonomische Perspektiven berücksichtigt werden. Dabei kommt auch historischen Mustern Bedeutung zu. Krisen und Aufschwungszyklen müssen berücksichtigt werden. Wer begründete Prognosen wagen will, sollte aus der Geschichte der Ökonomie lernen.12
5. Ökologie und soziale Fragen als bürgerliches Erbe
Bewahrung der Schöpfung und soziale Verantwortung
Das bürgerliche Erbe kann und muss heute auf die ökologische Problematik im Sinn der Bewahrung der Schöpfung bezogen werden. Ebenso auf die Wertschätzung gegenüber dem Nächsten, die sich auf das biblische Prinzip der „Nächstenliebe“ zurückführen lässt. Zugleich kommt dem Mittelstand eine herausragende Rolle zu – also Handwerkern, Selbständigen, kleinen und mittleren Unternehmen und Landwirten. Dies lässt sich bis auf Aristoteles und Platon zurückführen. Die Einkommensdifferenzen dürfen ein bestimmtes Maß nicht überschreiten, sonst wird die Einheit der Polis gefährdet.
Bürgerlicher Konservatismus sollte vor diesem Hintergrund die eigene Integrationskraft stärken. Dies bedeutet, dass die ökologische Frage und das soziale Profil wach bleiben müssen oder verstärkt geweckt werden sollten.
Ökologie als Aufgabe bürgerlicher Politik
Es waren in den Anfängen auch konservative Denker (Rohrmoser, Gruhl), die das Sensorium für diese Fragen schärften. Sowohl Rohrmoser13 wie auch Gruhl waren aufgrund ihrer nicht unproblematischen Persönlichkeiten parteipolitisch schwer integrationsfähig: Ihr Sachanliegen bleibt jedoch nach wie vor ein Anliegen bürgerlicher Politik.14
Ähnliches gilt für Rudolf Bahro, den DDR-Emigranten. Zentral ist vor allem, dass die Ökologie nicht im Ideologischen erstarrt. Heute ist der grüne Fußabdruck, sind grüne Profile auch in Unternehmenskulturen zunehmend präsent. Doch ein eigenes bürgerliches Profil würde sowohl den bürgerlichen Parteien als auch der ökologischen Frage nutzen.
Die soziale Frage nicht den politischen Rändern überlassen
Nicht anders die soziale Problematik: Sie ist nicht der politischen Linken zu überlassen, und schon gar nicht den Rändern des politischen Spektrums von rechts oder links. Sie und damit auch das empathische Erbe Willy Brandts liegen brach. Die Sozialdemokratie ließ sie aus intellektuellen und konzeptionellen Schwächen liegen.
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Über den Autor: Prof. Dr. Phil habil Harald Seubert ist Ordentlicher Professor für Philosophie und interkulturelle Theologie an der STH Basel. Er war bis 2022 Vertrauensdozent der Hanns Seidel-Stiftung.
Anmerkungen
1) Goethe 1985, S. 145
2) Kissinger 2011
3) www.csu-geschichte.de/partei/detail/laptop-und-lederhose-nur-ein-slogan
4) Goethe, Band 2, S. 49
5) Coriando 1998
6) Maier 2011, S. 300 f.
7) Maier 1995-2003
8) Zakaria 2009
9) Dobringhaus 2009
10) F.R. Allemann 1956; NA 2000, S, 100. S. 100
11) Wieland, 1975; 2. Auflage 2004.
12) Wieland 2004, S. 103 ff.
13) Seubert 2007, S. 9 ff.
14) Gall 1989
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