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Heilige Zeiten – Welche religiösen Feste feiern Menschen in Deutschland?
Teil IX: Das islamische Asura-Fest

Das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens gelingt umso besser, je mehr wir voneinander wissen. In einer kleinen Reihe wollen wir Unwissen mit Wissen begegnen und neugierig machen auf verschiedene Feste, die in Deutschland gefeiert werden. Heute: Das Asura-Fest.

Am 22. August 2021 feiern Aleviten in aller Welt das Asura Fest. Das ist zwei Tage später als bei dem Großteil der islamischen Glaubensgemeinschaft, der dieses Fest bereits am 20. August begeht.  Hintergrund dieses zeitlichen Auseinanderfallens ist die Dauer des Fastens im heiligen Monat Muharrem, in dem Muslime zu Ehren aller Propheten der abrahamitischen Religionen zehn Tage lang aus Dankbarkeit für deren Offenbarung fasten und an diese denken.

Aleviten fasten dagegen zwölf Tage, da im heiligen Monat Muharrem auch der Enkelsohn des Propheten Mohammed, Imam Hüseyin, eine zentrale Gestalt insbesondere im schiitischen und alevitischen Glauben, in der Schlacht von Kerbela im Jahr 680 unserer Zeitrechnung ein Martyrium durchlebte, weshalb zwei zusätzliche Tage im Gedenken und zu Ehren der Prophetenfamilie Mohammeds gefastet wird.
Aleviten leben ihre Trauer durch längeres Fasten und durch strengere Speisevorgaben zur Disziplinierung des Geistes und Körpers aus, während die schiitische Glaubensgemeinschaft den Grund ihrer Trauer als Versagen oder im Stich lassen des Imams Hüseyin in der Schlacht von Kerbela versteht und sich teilweise sogar während der Trauerphase selbst geißelt, um ihre irdische Strafe an diesem Verrat zu sühnen. Eine religiöse Bestrafung des Körpers oder des irdischen Daseins des Menschen kennen Aleviten dagegen nicht.

D. Ugur Kör ist in München als freiberuflicher Rechtsanwalt tätig. Er vertritt die Alevitische Gemeinde München im Rat der Religionen sowie am Runden Tisch für Muslime der Landeshauptstadt München. Außerdem war er viele Jahre als Koordinator des Alevitischen Religionsunterrichts an Münchner Grundschulen verantwortlich.

D. Ugur Kör ist in München als freiberuflicher Rechtsanwalt tätig. Er vertritt die Alevitische Gemeinde München im Rat der Religionen sowie am Runden Tisch für Muslime der Landeshauptstadt München. Außerdem war er viele Jahre als Koordinator des Alevitischen Religionsunterrichts an Münchner Grundschulen verantwortlich.

© D. Ugur Kör

Über die religiösen und kulturellen Hintergründe erzählt uns der praktizierende Alevit D. Ugur Kör, Sprecher der Alevitischen Gemeinde im Rat der Religionen Münchens:

Die Asura ist nach dem Opferfest die wichtigste und auch erfreulichste Zeit in der religiösen Praxis eines Aleviten. Die Asura beendet nicht nur eine zwölftägige Fasten- und Trauerphase zu Ehren der zwölf Imame und aller Propheten, sondern erinnert durch eine gemeinsam zubereitete und mit Nachbarn, Verwandten und Freunden geteilte Speise an die Dankbarkeit, dass der Mensch als soziales Wesen nur in Einheit mit der Natur, seinem Geist und in Gottes Liebe die Erleuchtung und Vollkommenheit erreichen kann. Die Fastenzeit dient nicht nur dazu, abzuwarten, bis die Sonne untergeht, damit wieder gespeist und getrunken werden kann. Aleviten ziehen sich an diesen Tagen zurück und kehren in sich. Sie drücken ihre Trauer über das Martyrium Imam Hüseyins dadurch aus, indem sie sich von Feierlichkeiten fernhalten und an diesen Tagen ganz besonders achtgeben, keinem Lebewesen zu schaden oder das Herz zu brechen. Es ist daher streng verboten, ein Tier zu schächten und Blut fließen zu lassen oder reines Wasser zu trinken, da Imam Hüseyin und seiner Gefolgschaft in der Wüste Kerbela verdurstete.

In diesen zwölf Tagen wird durch das Hungergefühl und die strengen Speisevorschriften neben dem Körper auch der Geist gereinigt und die Seele reift heran. Der Weg des Aleviten, ein vollkommener Mensch zu werden, wird in diesen zwölf Tagen im Besonderen mystisch geprüft.

Der Sage nach wurde die gemeinsam für das Asura-Fest zubereitete Speise auf der Arche Noah zum Überleben aus dem bestehenden Hab und Gut zubereitet. Daher glauben wir Aleviten daran, dass das Haus, in der die Asura nach der Fasten- und Trauerphase zubereitet und verteilt wird, mit Fruchtbarkeit, Dankbarkeit und Harmonie gesegnet wird.

Der süßliche Geruch während der Zubereitung und die Teilhabe eines jeden Familienmitglieds, eine Zutat zu ergänzen und im Kessel umrühren zu dürfen sowie die Segnung der Asura durch den Geistlichen zeichnen den Tag des Asura-Festes im Besonderen aus. Diese hat zur Folge, dass wir neben dem Segen des familiären Zusammenhalts auch durch die Disziplinierung des Menschen mit dem Hungergefühl daran erinnert werden, unser Leben ohne Hunger, Trauer und voller Liebe leben zu können und hierfür dankbar zu sein.
Asura ist eine aus zwölf verschiedenen Zutaten bestehende Süßspeise. Die Zutaten können variieren, müssen jedoch (mindestens) zwölf an der Zahl sein, denn diese symbolisieren die zwölf Imame, somit die Enkel und Nachfahren des Propheten Mohammed und des Imam Ali, die nach alevitischem Verständnis die reine Wahrheit der göttlichen Offenbarung erfuhren und tradierten.

In der Regel wird sie aus Weizen, Bohnen, Zuckerwasser, Kichererbsen, Kastanien, Haselnüssen, Pistazien, Mandeln, Sultaninen, Feigen, Aprikosen und Walnüssen zubereitet.
Möge der Schutzpatron Hizir uns allen viele gesegnete Asura-Feste zuteilwerden lassen!

Gesprächspartner: D. Ugur Kör

Kontakt
Leiter: Dr. Philipp W. Hildmann
L3: Kompetenzzentrum Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Interkultureller Dialog
Leiter:  Dr. Philipp W. Hildmann
Telefon: 089 1258-492
E-Mail: hildmann@hss.de