Perspektivwechsel
Politischer Wandel im Maghreb
Tunesien und Marokko haben das Potenzial erneuerbarer Energien erkannt und investieren verstärkt in die grüne Energiewende, wie zum Beispiel in eine Windkraftanlage in den Bergen von Bizerte (Tunesien).
© Khaled/Adobe Stock
Tunesien und Marokko haben viele Gemeinsamkeiten und stehen exemplarisch für die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Nordafrika. In beiden Ländern kam es während des „Arabischen Frühlings“ ab 2011 zu Unruhen und Protesten, die zu einer schrittweisen Demokratisierung und politischen Reformen führten. Allerdings waren gerade in Tunesien die angestoßenen Transformationsprozesse hin zu mehr Demokratie nicht automatisch mit der Erfüllung aller Hoffnungen und Erwartungen der Menschen verbunden. Tunesien hat stattdessen weiterhin mit einer schwierigen sozioökonomischen Situation zu kämpfen. Wirtschaftlich sind beide Länder von strukturellen Schwächen geprägt, darunter fällt insbesondere die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Tunesien und Marokko sind stark vom Klimawandel betroffen, der sich in Dürren, Ernteausfällen und Wasserknappheit widerspiegelt. Beide Staaten haben das Potenzial erneuerbarer Energien erkannt und investieren verstärkt in die grüne Energiewende.
Im Rahmen einer Abendveranstaltung aus unserer Reihe „Perspektivwechsel: Auslandsmitarbeiter der Hanns-Seidel-Stiftung berichten“ boten Uta Staschewski (Projektleitung Tunesien) und Dr. Mounir Azzaoui (Projektleitung Marokko) Einblicke in die aktuellen politischen Entwicklungen ihrer Einsatzländer. In Impulsvorträgen schilderten sie, vor welchen Herausforderungen Tunesien und Marokko stehen und sprachen über ihre Potenziale und deren Bedeutung für Deutschland und die Europäische Union.
Der Maghreb steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Politische Reformen und neue geopolitische Herausforderungen prägen die Entwicklungen in Tunesien und Marokko. Welche Rolle die beiden Länder künftig für Europa spielen könnten, analysierten nun die Auslandsmitarbeiter der Hanns-Seidel-Stiftung.
© HSS
Tunesien: zwischen politischer Krise und hoffnungsvollem Aufbruch
In Tunesien nahm 2011 der „Arabische Frühling“ seinen Anfang und inspirierte Protestbewegungen in der gesamten Region. Es ist ein Land, auf das hohe Erwartungen gesetzt wurden. Aber letztlich konnte sich die demokratische Hoffnung auch hier nicht halten. Seit Juli 2021 herrscht der Ausnahmezustand und Tunesien gilt als präsidiale Autokratie mit entmachtetem Parlament und nahezu uneingeschränkter Macht des Präsidenten. Repressionen gegen Opposition, Medien und Zivilgesellschaft nehmen zu, während das Land aufgrund politischer Unsicherheit und sozialer Ungleichheit in einer wirtschaftlichen Krise steckt.
Sichtbar wird diese Krise beispielsweise an der hohen Jugendarbeitslosigkeit, die derzeit nicht zurückgeht, obwohl die junge Bevölkerung gut ausgebildet ist. In der Folge wandern qualifizierte Fachkräfte ab, womit das Land langfristig wertvolles Know-how verliert.
Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind zahlreiche deutsche Unternehmen in Tunesien aktiv, profitieren von der Nähe zu Europa und gut ausgebildeten Fachkräften. Besonderes Potenzial bieten digitale Start-ups, der Tourismussektor sowie die Energie- und Wasserstoffwirtschaft. Doch Bürokratie und schwache investitionsrechtliche Strukturen bremsen das Wachstum. Auch der Klimawandel ist ein Thema in Tunesien. Durch seine natürlichen Voraussetzungen bieten sich dem Land Möglichkeiten, die Energiewende voranzutreiben: Ziel der Regierung ist es, dass bis 2030 35 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammt. Ein herausragendes Projekt ist ELMED, ein geplanter Untersee-Stromkorridor zwischen Tunesien und Italien, der ein Meilenstein für grenzüberschreitende Energiewende wäre und von der EU unterstützt wird. Grüner Wasserstoff wird ebenfalls als Zukunftsfeld betrachtet. Tunesien hat gemeinsam mit Deutschland eine nationale Wasserstoffstrategie entwickelt, deren Ziel es ist, bis 2025 jährlich über 8 Millionen Tonnen zu produzieren und einen Großteil davon nach Europa zu exportieren.
Mit ihrer Präsenz vor Ort, dem Dialog mit (politischen) Entscheidungsträgern auf Augenhöhe und klarer Positionierung fungiert die Hanns-Seidel-Stiftung in dieser komplexen Situation als Brückenbauerin.
Uta Staschewski, unsere Projektleiterin in Tunesien, bewertet die Lage folgendermaßen: „Tunesien ist nicht nur ein Land mit geopolitischer Bedeutung, sondern auch ein Spiegel: Es zeigt uns, wie fragil Wandel sein kann, wie leicht Hoffnungen brechen und wie viel Verantwortung in internationalen Partnerschaften liegt.“
Im Rahmen einer Abendveranstaltung aus unserer Reihe „Perspektivwechsel: Auslandsmitarbeiter der Hanns-Seidel-Stiftung berichten“ boten Uta Staschewski (Projektleitung Tunesien), rechts, und Dr. Mounir Azzaoui (Projektleitung Marokko), links, Einblicke in die aktuellen politischen Entwicklungen ihrer Einsatzländer. Das Gespräch moderierte HSS-Referatsleiterin Claudia Fackler (Mitte).
© HSS
Chancenreiches Marokko: Herausforderungen meistern, Zukunft gestalten
Marokko steht vor einer Reihe gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist nach wie vor groß – ein Missstand, der durch das verheerende Erdbeben im Jahr 2023 besonders deutlich wurde. In ländlichen Regionen fehlt es vielerorts an grundlegender Infrastruktur, während sich in den urbanen Zentren Wohlstand konzentriert. Auch die Gleichberechtigung der Geschlechter ist noch nicht tief in der Gesellschaft verankert – trotz gesetzlicher Fortschritte bleibt sie im Alltag hinter den Erwartungen zurück. Hinzu kommen Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit sowie ein zähes Ringen mit bürokratischen Hürden.
Andererseits birgt Marokko enormes Potenzial und ist ein wichtiger Partner für Europa und Deutschland. Das wirtschaftliche Wachstum der vergangenen Jahre ist bemerkenswert: Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich in kurzer Zeit verdreifacht. Marokko verfügt über einen der größten Häfen Afrikas und entwickelt sich zunehmend vom Agrarstaat hin zu einem modernen Dienstleistungs- und Industrieland. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2030, an der Marokko als Ausrichter beteiligt sein wird, bietet zusätzliche Impulse für Infrastruktur und Tourismus. Besonders ambitioniert zeigt sich das Land im Bereich der erneuerbaren Energien. Es steckt großes Engagement in die Wind- und Solarenergie, was Marokko zu einem strategisch wertvollen Partner im globalen Klimaschutz macht. Aufgrund seiner geografischen Nähe zu Europa – an der Straße von Gibraltar trennen lediglich 14 Kilometer das nordafrikanische Königreich vom europäischen Festland – kommt Marokko eine bedeutende Rolle in der Zusammenarbeit mit der EU zu.
„Marokko ist ein Stabilitätsanker in der Region. Es bleibt im deutschen und bayerischen Interesse, die Entwicklung im Land zu fördern“, urteilt Projektleiter Dr. Mounir Azzaoui.
Welche Bedeutung haben die Länder für Deutschland?
Marokko und Tunesien nehmen in der Außenbeziehung Deutschlands zur MENA-Region eine Schlüsselrolle ein. Beide Länder sind geostrategisch wichtig, sei es durch ihre Nähe zu Europa, ihre Rolle in der Migrationssteuerung oder als zukünftige Energiepartner. Insbesondere im Kontext globaler Herausforderungen – von Klimawandel über Migration bis hin zu sicherheitspolitischen Fragen – wächst die Relevanz einer engen und partnerschaftlichen Zusammenarbeit.
Dabei geht es nicht nur um geopolitische Interessen, sondern auch um konkrete Chancen: Eine gut ausgebildete junge Bevölkerung, Potenziale im Bereich grüner Technologien und wachsende wirtschaftliche Märkte bieten vielfältige Anknüpfungspunkte für deutsche und europäische Akteure. Voraussetzung dafür sind verlässliche Rahmenbedingungen, nachhaltige Investitionen und ein ehrlicher Dialog auf Augenhöhe.
Die Hanns-Seidel-Stiftung engagiert sich als gestaltende Partnerin aktiv in beiden Ländern. Mit gezielten Projekten vor Ort und dem Aufbau tragfähiger Netzwerke trägt die Stiftung zur Stärkung politischer Partizipation und nachhaltiger Entwicklungsprozesse bei, wobei die Zusammenarbeit mit Regierungsstellen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und regionalen Partnern von entscheidender Bedeutung ist.
Kontakt
Teamassistentin
Projektkoordinatorin