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Heilige Zeiten – Welche religiösen Feste feiern Menschen in Deutschland?
Teil X: Rosch Haschana, das jüdische Neujahrsfest

Das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens gelingt umso besser, je mehr wir voneinander wissen. In einer kleinen Reihe wollen wir Unwissen mit Wissen begegnen und neugierig machen auf verschiedene Feste, die in Deutschland gefeiert werden. Heute: Rosch Haschana.

Vom Abend des 6. September bis zum Abend des 8. September 2021 feiern Jüdinnen und Juden in aller Welt in diesem Jahr das Neujahrsfest. Mit dem Begriff „Neujahr“ verbinden in Deutschland die meisten Menschen Dinge wie Feuerwerk und Partys, „Dinner for One“ und knallende Sektkorken. Der Ausklang des alten Jahres ist im christlichen Kulturkreis typischerweise ein feuchtfröhlicher, zwangloser Anlass. Nicht ganz so ausgelassen, aber gleichfalls voller Optimismus präsentiert sich dagegen das jüdische Neujahrsfest. Was genau gefeiert wird und wie sich das Fest gestaltet, erklärt uns Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern:

Dr. h.c. Charlotte Knobloch ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern sowie Commissioner for Holocaust Memory des World Jewish Congress. Von 2006 bis 2010 war sie Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Dr. h.c. Charlotte Knobloch ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern sowie Commissioner for Holocaust Memory des World Jewish Congress. Von 2006 bis 2010 war sie Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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Immer im Herbst, je nach Überschneidung zwischen jüdischem und bürgerlichem Kalender zwischen Anfang September und Anfang Oktober, feiern Juden in aller Welt zwei Tage lang „Rosch Haschana“ oder, wörtlich übersetzt, das „Haupt des Jahres“. Der Beginn eines neuen Jahres markiert in der jüdischen Tradition dabei nicht nur den Wechsel im Kalender – heuer vom Jahr 5781 zum Jahr 5782 – sondern auch den Beginn einer g’ttlichen Bilanz. Vereinfacht gesagt sitzt G’tt nach jüdischer Überzeugung zu Rosch Haschana über die Seelen alles Lebendigen zu Gericht und trägt jeden Einzelnen, Mensch für Mensch, in eines von drei Büchern ein: Ein Buch des Lebens, ein Buch des Todes und ein Buch, das beides bedeuten kann.

Sowohl Buch- als auch Gerichtsmotiv sind für die religiöse und kulturelle Bedeutung von Rosch Haschana in der jüdischen Tradition zentral. So ist jeder Einzelne gehalten, schon vor dem Neujahrsfest bei Freunden und Familienmitgliedern für verübtes Unrecht um Entschuldigung zu bitten, um möglichst unbelastet ins neue Jahr zu gehen. An Rosch Haschana selbst betet man in den Synagogen darum, dass einerseits der Betende, andererseits aber auch das ganze jüdische Volk und die gesamte Menschheit ein gutes Urteil erhalten und in das Buch des Lebens eingeschrieben werden, das hier auch zu einem Buch der Gesundheit, des Friedens, des steten Lebensunterhaltes etc. erweitert werden kann.

Aus der oft leidvollen jüdischen Geschichte erklärt sich zugleich die eindringliche Erinnerung daran, dass ein wohlwollendes Urteil alles andere als ausgemacht ist: Die Begrenztheit und Sterblichkeit des Menschen sowie seine dauerhafte Abhängigkeit vom g’ttlichen Wohlwollen sind Motive, die sich durch die gesamte Liturgie des Festtags ziehen.

Ungeachtet des ernsten Tones ist das Neujahrsfest jedoch keine Zeit, um Trübsal zu blasen; die Hoffnung auf ein gutes und gesundes neues Jahr steht schließlich auch im Judentum im Mittelpunkt. Häufig kommt deshalb die ganze Familie zusammen, und es wird festlich getafelt. Traditionell reicht man zu Rosch Haschana Granatäpfel, deren zahlreiche Kerne einen Überfluss an Segnungen symbolisieren, und Äpfel mit Honig, deren Süße auf das beginnende Jahr abfärben soll.

Das g‘ttliche Urteil, das an Rosch Haschana gesprochen wird, wird übrigens erst am Ende des höchsten jüdischen Feiertages Jom Kippur acht Tage später endgültig besiegelt. Daher wünscht man einander zum jüdischen Neujahrsfest neben dem einfachen „Schana towa“ („ein gutes Jahr“) auch ganz ausführlich „Leschana towa tikatewu we-tichatemu“, zu Deutsch: „Mögen wir zu einem guten Jahr eingeschrieben und besiegelt werden“. Nur vom „guten Rutsch“ spricht man im jüdischen Kontext nicht. Für die verbreitete Annahme, wonach dieser Gruß zum neuen bürgerlichen Jahr sich vom „Rosch“ in Rosch Haschana herleite, fehlt bis heute – leider! – jeder Beleg.

Das Fest Rosch Haschana wird weltweit von rund 15 Millionen Menschen gefeiert.

Gesprächspartnerin: Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Kontakt
Leiter: Dr. Philipp W. Hildmann
L3: Kompetenzzentrum Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Interkultureller Dialog
Leiter:  Dr. Philipp W. Hildmann
Telefon: 089 1258-492
E-Mail: hildmann@hss.de