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Heilige Zeiten – Welche religiösen Feste feiern Menschen in Deutschland?
Teil XI: Jom Kippur, der jüdische Versöhnungstag

Das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens gelingt umso besser, je mehr wir voneinander wissen. In einer kleinen Reihe wollen wir Unwissen mit Wissen begegnen und neugierig machen auf verschiedene Feste, die in Deutschland gefeiert werden. Heute: Jom Kippur.

Rabbiner Steven E. Langnas, von 1998 bis 2011 Gemeinderabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde München, langjähriges Mitglied im Ständigen Ausschuss der Europäischen Rabbinerkonferenz und Lehrbeauftragter für Religionspädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Rabbiner Steven E. Langnas, von 1998 bis 2011 Gemeinderabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde München, langjähriges Mitglied im Ständigen Ausschuss der Europäischen Rabbinerkonferenz und Lehrbeauftragter für Religionspädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

© Steven Langnas

Vom Abend des 15. September bis zum Abend des 16. September 2021 feiern Jüdinnen und Juden in aller Welt in diesem Jahr ihren höchsten Feiertag, den Versöhnungstag Jom Kippur. Er geht vermutlich auf die Zeit nach dem Babylonischen Exil zurück und war bereits in der früheren Zeit des zweiten Tempels im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung der bedeutendste Feiertag der Israeliten. Für gläubige Juden ist er seit der Gesetzgebung am Sinai integraler Bestandteil des jüdischen Jahreszyklus. An diesem Tag wurden im Jerusalemer Tempel besondere Opfer dargebracht. Es war der einzige Tag, an dem der Hohepriester allein und streng abgeschirmt das Allerheiligste im Tempel betreten durfte, um stellvertretend für das Volk die Vergebung der Sünden zu empfangen. Wie dieses Fest heute begangen wird, erklärt uns der in München lebende Rabbiner Steven Langnas:

Jom Kippur ist ein Tag, an dem Wunder geschehen können. An Jom Kippur können wir unsere Seelen im positivsten Sinne weißwaschen und sie wieder reinmachen. An diesem Versöhnungstag, dem zehnten Tag des jüdischen Monats Tischri, haben wir Menschen die Möglichkeit, unsere begangenen Fehler zu bereuen, um Vergebung für unsere Sünden zu bitten und zu beten sowie gute Vorsätze für das neue Jahr festzusetzen. Dieser Prozess heißt auf Hebräisch Teschuwa, Rückkehr zu Gott, indem wir Buße tun.

Normalerweise können wir in der Dimension der Zeit nur vorwärtsgehen, nicht zurück. Wir können nichts ändern, was schon geschehen ist. Aber in der Welt der Teschuwa können wir Wunder wirken, indem wir sogar die Vergangenheit verändern! Aufgrund unserer aktuellen Bemühungen in der Gegenwart, unsere Fehler aus der Vergangenheit zu bereuen, ist Gott bereit, unsere Sünden zu löschen, als ob sie nie geschehen wären. In den Worten des niederländisch-israelischen Rabbis Nathan Lopes Cardozo ist das ein göttliches Geschenk, das auf eine Dimension im Judentum hinweist, die das Menschliche transzendiert.

An Jom Kippur versuchen wir Menschen, unsere eigenen körperlichen Bedürfnisse auf ein absolutes Minimum zu reduzieren, damit uns nichts mehr im Weg steht, um uns auf das Spirituelle zu konzentrieren. Die jüdischen Vorschriften helfen uns dabei, indem sie uns an Jom Kippur verbieten, für 25 Stunden zu essen, zu trinken und unseren Körper zu waschen oder zu salben. Darüber hinaus sind intime körperliche Beziehungen und das Tragen von Lederschuhen verboten. Wir tragen weiße Kleider in der Farbe der Reinheit, auch die Decken und Vorhänge in der Synagoge sind an diesem Festtag weiß. Durch diese Vorschriften von unseren menschlichen Trieben befreit, können wir – wenigstens einen Tag im Jahr – mehr Engel als Mensch sein.
Wir verbringen an Jom Kippur fast den ganzen Tag in die Synagoge. Wir beten nicht weniger als fünf Gottesdienste mit einander und für einander. Wir beichten unsere Sünden direkt an Gott und hoffen, mit Tränen in die Augen, dass er uns verzeihen wird und uns für ein gutes, gesundes, gesegnetes, erfolgreiches neues Jahr in das Buch des Lebens einschreiben und dies besiegeln wird.
Jom Kippur endet mit einem langen, wachrüttelnden Ton aus der Schofar, dem traditionellen Widderhorn. Dies ist das Signal, dass es wieder Zeit ist, in das Alltagsleben zurückzukehren und die guten Vorsätze, die wir für uns beschlossen haben, nun auch in der Praxis umzusetzen. Nachdem wir gegessen und getrunken haben, beginnen sofort die Vorbereitungen für den nächsten Feiertag, Sukkot, das Laubhüttenfest, fünf Tage später. Das Leben geht weiter.

Das Fest Jom Kippur wird weltweit von rund 15 Millionen Menschen gefeiert.

Gesprächspartner: Rabbiner Steven E. Langnas.

L3: Kompetenzzentrum Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Interkultureller Dialog
Dr. Philipp W. Hildmann
Leiter