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Czechia-Germany Cooperation and European Security
Deutsch-tschechische Sicherheitskooperation: Wie Deutschland und Tschechien Europas Verteidigungsfähigkeit stärken

Autorin/Autor: Klára Kloučková
, Dr. Andreas Wüst

Deutschland und Tschechien vertiefen ihre Sicherheitskooperation angesichts neuer Bedrohungen in Europa. Die Analyse unserer Kolleginnen und Kollegen in Tschechien zeigt, welche Rolle Verteidigung, Rüstungsprojekte, Ukraine-Unterstützung und gesellschaftliche Resilienz dabei spielen.

Teilnehmer des Podiums  "Czechia-Germany Cooperation and European Security"-Konferenz diskutieren

Expertinnen und Experten diskutierten anlässlich der "Czechia-Germany Cooperation and European Security"-Konferenz zu Fragen der Sicherheitskooperation.

Copyright: Klára Kloučková/HSS

Die sicherheitspolitische Lage Europas hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die wachsende globale Rolle Chinas, die Unsicherheit über die künftige transatlantische Zusammenarbeit und der Druck auf europäische Verteidigungsfähigkeiten stellen auch die deutsch-tschechischen Beziehungen vor neue Aufgaben. Dabei geht es längst nicht mehr nur um klassische bilaterale Kooperation, sondern um die Frage, wie Deutschland und Tschechien gemeinsam zur Sicherheit Mitteleuropas, der Europäischen Union und der NATO beitragen können – und damit die deutsch-tschechische Sicherheitskooperation zu einem wichtigen Baustein europäischer Sicherheit machen.

Diesen Themen widmete sich die Debatte „Czechia-Germany Cooperation and European Security“, die das Prager Büro der HSS gemeinsam mit Update-EU organisierte. Im Zentrum der Debatte stand auch die Frage, ob sich die tschechische Außen- und Sicherheitspolitik unter der neuen Regierung tatsächlich verändert – und welche Folgen dies für die Zusammenarbeit mit Deutschland hat. Die Antwort fällt differenziert aus: Auf strategischer Ebene lassen sich neue Akzente erkennen, doch viele sicherheitspolitische Herausforderungen bleiben dieselben. Entscheidend wird daher sein, ob beide Länder ihre politische Nähe in konkrete Projekte übersetzen können oder ob innenpolitische Zwänge und nationalistische Impulse eine vertiefte Zusammenarbeit sabotieren.

Tschechiens Sicherheitspolitik zwischen Ukraine-Krieg, Strategie und Praxis

Die tschechische Außen- und Sicherheitspolitik wird in hohem Maße durch die Erfahrungen des Krieges in der Ukraine geprägt. Senator Pavel Fischer betonte in der Diskussion, dass sowohl Tschechien als auch Deutschland aus den ukrainischen Kriegserfahrungen lernen müssten. Dies betreffe nicht nur militärische Taktiken, sondern ebenso technologische Entwicklungen, industrielle Anpassungsfähigkeit und den Aufbau staatlicher wie gesellschaftlicher Resilienz.

Der Experte Matúš Halás vom Institute of International Relations schlug vor, zwischen strategischer und operativer Ebene zu unterscheiden. Auf strategischer Ebene sei Tschechien, zugespitzt formuliert, „amerikanischer als Amerika“: Es orientiere sich stark an den Vereinigten Staaten und richte seine Politik an transatlantischen Prioritäten aus. Auf operativer Ebene hingegen sei Tschechien „deutscher als Deutschland“, da die praktische Zusammenarbeit mit Deutschland – etwa in den Bereichen Logistik, Infrastruktur und Verteidigungsplanung – eine besonders große Rolle spiele. Diese Unterscheidung verdeutlicht, dass die tschechische Sicherheitspolitik nicht eindimensional ist. Sie verbindet eine ausgeprägt transatlantische Grundorientierung mit konkreten europäischen und regionalen Kooperationsnotwendigkeiten – insbesondere im sicherheitspolitischen Umfeld Mitteleuropas.

Fischer beschrieb darüber hinaus ein zentrales Dilemma demokratischer Verteidigungs- und Sicherheitspolitik: Staaten müssen ihre Bürgerinnen und Bürger auf reale Gefahren vorbereiten, ohne gesellschaftliche Spaltung zu vertiefen oder Angstpolitik zu betreiben. Seine Formel lautete sinngemäß: die Regierung herausfordern, ohne zu polarisieren; mobilisieren, ohne Panik zu erzeugen.

Eine weitere wichtige Dimension betrifft die institutionelle Leistungsfähigkeit. Konflikte zwischen ziviler und militärischer Ebene im tschechischen Verteidigungsministerium hätten gezeigt, wie schwierig es sei, politische Zielsetzungen, militärische Planung und administrative Umsetzung miteinander zu verbinden.1 Gerade angesichts der erhöhten Bedrohungslage in Mittel- und Osteuropa wird diese Koordination zu einer sicherheitspolitischen Kernfrage.

 

Einsatzbereitschaft und Verteidigungshaushalt als Prüfstein

Die Armee der Tschechischen Republik zählt derzeit über 29.000 Berufssoldaten und mehr als 4.000 Soldaten in der aktiven Reserve.2 Dank erfolgreicher Rekrutierungskampagnen in den vergangenen Jahren steigen diese Zahlen. Für 2026 setzt sich das Verteidigungsministerium nach eigenen Angaben ein ehrgeiziges, aber realistisches Rekrutierungsziel von 2.250 neuen Berufssoldaten.3

In den vergangenen Jahren konzentrierte sich die tschechische Sicherheitsdebatte vor allem auf große Modernisierungsprojekte. Entscheidend ist allerdings auch die Fähigkeit, diese Technik langfristig einsatzfähig zu halten, Munition nachzuführen, beschädigte Systeme zu reparieren, Einheiten zu versorgen und die medizinische Unterstützung sicherzustellen. Dies zeigte sich zuletzt auch in Medienberichten, wonach die tschechische Armee im Falle eines schnellen Einsatzes an der NATO-Ostflanke mit einem Mangel an eigenen Blutvorräten konfrontiert sein könnte, während der Zugriff auf staatliche Reserven derzeit erst bei Ausrufung höchster Krisenstufen vorgesehen ist.4 Die Frage der Einsatzbereitschaft betrifft somit ein breites Spektrum militärischer, logistischer und ziviler Voraussetzungen - und ist eng mit der Verteidigungsfähigkeit Tschechiens verbunden.

Auch die aktuelle Haushaltsdebatte macht deutlich, dass zwischen sicherheitspolitischer Rhetorik und finanzieller Planung weiterhin eine Lücke besteht. Während die NATO-Staaten in Den Haag beschlossen haben, bis 2035 insgesamt fünf Prozent des BIP für Verteidigung und sicherheitsrelevante Ausgaben bereitzustellen, blieb der tschechische Verteidigungshaushalt sowohl 2025 als auch 2026 deutlich darunter. Nach Angaben des NATO-Generalsekretärs hat Tschechien seine Verpflichtung im Jahr 2025 nicht erfüllt; anerkannt wurden lediglich Ausgaben in Höhe von 1,85 % des BIP. Nicht berücksichtigt wurden dabei Ausgaben anderer Ministerien, etwa für den Ausbau der Infrastruktur, mit denen Tschechien versucht hatte, seine Verteidigungsausgaben rechnerisch zu erhöhen. Andrej Babiš teilte im Juni 2026 mit, Tschechien werde die Verpflichtung auch in diesem Jahr nicht erfüllen; die geplanten Verteidigungsausgaben betragen 1,7 % des BIP.5 Umso zentraler wird damit die Frage, ob Prag seine strategische Bedrohungswahrnehmung in langfristig verlässliche Investitionen übersetzen kann. 

 

Deutschland und Tschechien nach der Zeitenwende: Kooperation für die NATO-Ostflanke

 

Für Deutschland markierte die sogenannte Zeitenwende einen sicherheitspolitischen Wendepunkt. Der Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer unterstrich, dass Deutschland und Tschechien seitdem dieselbe Bedrohung wahrnähmen. Daraus ergebe sich eine neue Qualität der Zusammenarbeit. Die gewachsene Vertrauensbasis zwischen beiden Ländern sowie die engen Beziehungen zwischen Tschechien und Bayern können in der aktuellen Sicherheitslage zu einem praktischen Vorteil werden – etwa bei Infrastrukturfragen, Logistik, industrieller Kooperation oder grenzüberschreitender Krisenvorsorge.

Die Deutschland-Expertin der Association for International Affairs, Zuzana Zavadilová, machte deutlich, dass sich die Bundeswehr von einer lange vernachlässigten Armee hin zu Modernisierung, Skalierung und schnellerer Umsetzung bewegen müsse. Die zentralen Begriffe seien dabei „scale, speed, implementation“ – also Größe, Geschwindigkeit und Umsetzung. Dies verweist auf ein Problem, das viele europäische Staaten betrifft: Politische Beschlüsse allein reichen nicht aus, wenn Beschaffung, Produktion und Einsatzfähigkeit nicht Schritt halten.

Gleichzeitig sieht Zavadilová Potenzial für eine engere deutsch-tschechische Zusammenarbeit in Bereichen wie Luftverteidigung, Logistik und Infrastruktur. Gerade diese Felder sind für die Verteidigungsfähigkeit Mitteleuropas zentral. Sie verbinden militärische, industrielle und zivile Dimensionen und zeigen, dass Sicherheitspolitik heute weit über klassische Streitkräfte hinausgeht.

Für die Sicherheit Mitteleuropas ist die deutsch-tschechische Zusammenarbeit deshalb von besonderer Bedeutung, weil sie politische Nähe mit konkreter militärischer Anschlussfähigkeit verbindet. Der Übergang der tschechischen Streitkräfte von sowjetischer Technik zu westlichen Systemen wie dem Leopard 2A8 bedeutet nicht nur eine Modernisierung der eigenen schweren Landstreitkräfte, sondern auch einen Schritt hin zu größerer Interoperabilität mit Deutschland und weiteren europäischen NATO-Partnern. Gemeinsame oder kompatible Plattformen erleichtern Ausbildung, Wartung, Ersatzteilversorgung, Logistik und Einsatzplanung.

Hinzu kommt die geografische Schlüsselrolle beider Länder. Im Fall einer Krise an der NATO-Ostflanke würden westliche Truppen, Material und Versorgungsgüter über Deutschland und Tschechien in Richtung Polen, Slowakei, Baltikum oder weiter an die Bündnisgrenzen verlegt. Damit wird die bilaterale Kooperation auch zu einer Frage militärischer Mobilität und strategischer Durchhaltefähigkeit innerhalb der NATO.

Unterzeichnung des Vertrages über die Leopard-Panzer (2024)

Unterzeichnung des Vertrages über die Leopard-Panzer (2024)

Copyright: Jan Schejbal, https://mocr.mo.gov.cz/informacni-servis/zpravodajstvi/ceska-republika-obdrzi-od-nemecka-dalsi-tanky-leopard-2a4-252966/

Interoperabilität, Munition und gemeinsame Verteidigungsprojekte

Konkrete Beispiele zeigen, dass die deutsch-tschechische Sicherheitskooperation bereits heute weit über politische Abstimmung hinausgeht. Ein wichtiger militärischer Baustein ist die seit 2017 bestehende engere Zusammenarbeit der tschechischen 4. Brigade der schnellen Eingreiftruppe mit der deutschen 10. Panzerdivision im Rahmen des NATO-Framework-Nations-Konzepts. Ziel ist es, Ausbildung, Übungen und Fähigkeitsentwicklung enger miteinander zu verzahnen und so die Interoperabilität der Landstreitkräfte zu erhöhen.

Der Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer verwies vor diesem Hintergrund auf die guten Kontakte zwischen beiden Ländern, darunter auch auf das Treffen der Verteidigungsminister am 9. Juni 2026. Boris Pistorius und Jaromír Zůna besprachen dort unter anderem die weitere Unterstützung der Ukraine sowie die bilaterale deutsch-tschechische Zusammenarbeit im Rüstungsbereich. Die tschechische Munitionsinitiative wurde dabei als essenzieller Beitrag zur Versorgung der Ukraine hervorgehoben. Laut Pistorius wird sich auch „Deutschland […] an dieser Initiative mit weiteren 300 Millionen Euro beteiligen – das sind circa 50.000 Schuss weitreichende Munition“.6

Ergänzt wird dies durch gemeinsame Luftwaffen- und Ausbildungsformate, etwa im Kontext von Air Defender und der künftigen Einführung der F-35, bei der deutsche und tschechische Luftstreitkräfte gemeinsame Planungen und Trainingsansätze abstimmen. Damit entsteht ein Kooperationsmuster, das militärische Interoperabilität, industrielle Skalierung und konkrete Unterstützung der Ukraine miteinander verbindet.

Zudem werden sich tschechische Firmen in den Rahmenvertrag über den Bau der neuen Serienversion des Kampfpanzers Leopard 2A8 einbringen. Während die Bundeswehr 123 Exemplare des neuen Panzers bestellt hat, wird Tschechien 44 Stück für seine Streitkräfte anschaffen. Gemeinsam modernisieren die beiden mitteleuropäischen Länder damit ihre Kampfpanzerflotten grundlegend und stärken bis 2030 beziehungsweise 2031 das konventionelle Verteidigungspotenzial Mitteleuropas.7

 

Deutsch-tschechische Rüstungskooperation: Potenzial und Fragmentierung

Ein wiederkehrendes Hemmnis der Zusammenarbeit ist die Fragmentierung der europäischen Verteidigungsindustrie. Tschechische Unternehmen haben Interesse an einer engeren Zusammenarbeit mit Deutschland, doch nationale Denkmuster bleiben laut Zavadilová stark ausgeprägt. Diese Spannung ist für die gesamte EU charakteristisch: Einerseits gibt es den politischen Anspruch, europäische Verteidigungsfähigkeiten gemeinsam zu stärken. Andererseits bleiben Beschaffung, Industriepolitik und strategische Prioritäten häufig national geprägt.

Besonders relevant ist dabei die industrielle Dimension. Tschechische Unternehmen sollen in Lieferketten, Wartung und Produktion eingebunden werden; Tatra Defence wird etwa beim Leopard 2A8 für das Schweißen von Wannen verantwortlich sein. Darüber hinaus kann Tschechien als industrieller, logistischer und servicetechnischer Partner dazu beitragen, deutsche Verteidigungskapazitäten zu skalieren.8 Gerade weil die deutsche Rüstungsindustrie nach Jahrzehnten begrenzter Nachfrage nicht auf schnelle Massenproduktion für einen lang andauernden hochintensiven Konflikt ausgelegt war, gewinnen regionale Zuliefer-, Wartungs- und Produktionsnetzwerke an Bedeutung – von Munition über Fahrzeuge bis hin zu Instandsetzung und Ausbildung.

Die Risiken liegen vor allem in mangelnder Koordination, langsamen Entscheidungsprozessen und der Konkurrenz nationaler Industrien. Hinzu kommt fehlende finanzielle Planungssicherheit für viele europäische Rüstungsunternehmen. Dies zeigt sich etwa am bereits erwähnten tschechischen Haushalt für 2026, der im Verteidigungsbereich Ausgaben deutlich unter den in Den Haag vereinbarten 3,5 % des BIP vorsieht.

Damit läuft die tschechische Regierung Gefahr, trotz klarer strategischer Bedrohungswahrnehmung Vertrauen bei den Verbündeten einzubüßen. Die unzureichende Finanzierung dürfte auch beim NATO-Gipfel in Ankara eine Rolle spielen, wo die tschechische Seite ihre Position wird erläutern müssen. Zugleich zeigen sich die innenpolitischen Spannungen in der Sicherheitspolitik auch im seit mehreren Monaten andauernden Streit zwischen dem Staatspräsidenten und der Regierung darüber, wer die Tschechische Republik auf diesem Gipfel vertreten soll. Nachdem das Kabinett Ende Juni endgültig beschlossen hatte, neben Premierminister Andrej Babiš auch Verteidigungsminister Jaromír Zůna (parteilos) und Außenminister Petr Macinka (Motoristé sobě) ins Rennen zu schicken, besteht der ehemalige NATO-General und europafreundliche Staatspräsident Petr Pavel auf seiner Teilnahme in Ankara und sucht sich sein Recht nun auch vor dem Verfassungsgericht zu erstreiten. Solche Unklarheiten können das außenpolitische Bild Tschechiens schwächen. Und doch gilt: Wenn Europa seine Verteidigungsfähigkeit stärken will, muss es nicht nur mehr Geld ausgeben, sondern auch besser und koordinierter investieren. Entscheidend wird sein, ob die bestehenden Finanzierungsrahmen in belastbare langfristige Projekte münden.

Verteidigungsministerin a.D. Jana Černochová (li.) und der US-Botschafter a.D. Bijan Sabet bestätigen den F-35-Vertrag (2024)

Verteidigungsministerin a.D. Jana Černochová (li.) und der US-Botschafter a.D. Bijan Sabet bestätigen den F-35-Vertrag (2024)

Copyright: Jan Schejbal, https://mocr.mo.gov.cz/informacni-servis/zpravodajstvi/ministryne-cernochova-dnes-stvrdila-nakup-americkych-f-35-249043/

Europa, USA und strategische Abhängigkeit in der Verteidigung

 

Ein weiteres zentrales Thema ist die künftige Rolle der USA in der europäischen Sicherheit. Der Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer sprach sich für eine stärkere europäische Eigenständigkeit aus, betonte aber zugleich, dass die Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten fortgesetzt werden müsse. Diese Doppelstrategie – mehr europäische Handlungsfähigkeit bei gleichzeitiger Bindung an die USA – dürfte in den kommenden Jahren zum Grundmuster europäischer Sicherheitspolitik werden. Sie entspricht dem von Washington seit Langem geforderten „burden shifting“: Europa soll mehr Verantwortung für seine eigene Verteidigungsbereitschaft und Verteidigungsfähigkeit übernehmen, ohne den transatlantischen Rahmen aufzugeben.

Zavadilová verwies darauf, dass Deutschland seine Bindungen an die USA neu bewerten und zugleich seine Beziehungen zu Frankreich und anderen europäischen Ländern weiterentwickeln müsse. Mayer machte in diesem Zusammenhang auf eine konkrete Fähigkeitslücke aufmerksam: Aus seiner Sicht sei es ein Fehler gewesen, dass die USA keine Tomahawk-Systeme in Deutschland stationiert hätten. Das Scheitern der Pläne mache die europäische Fähigkeitslücke bei konventioneller Abschreckung über große Distanzen sichtbar und erhöht den Druck auf Deutschland und seine Partner, eigene europäische Fähigkeiten aufzubauen.

Für Tschechien ist diese Entwicklung besonders relevant. Einerseits bleibt Washington ein zentraler sicherheitspolitischer Bezugspunkt. Andererseits kann Prag seine Verteidigungsfähigkeit nicht allein über die transatlantische Achse denken, sondern muss die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern, insbesondere Deutschland, vertiefen.

Zugleich bleibt auch Tschechien in wichtigen Bereichen von den USA abhängig. Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Luftstreitkräften. Mit der Entscheidung für 24 F-35A-Kampfflugzeuge bindet Prag die Zukunft seiner taktischen Luftwaffe über Jahrzehnte an ein amerikanisches System. Der Vertrag im Umfang von rund 6,1 Milliarden Euro ist der größte Einzelkauf in der Geschichte der tschechischen Streitkräfte. Die ersten Maschinen sollen 2031 geliefert werden, die vollständige Einführung ist bis 2035 geplant. Die F-35 ersetzen die bisher genutzten schwedischen Gripen und schaffen nicht nur eine neue operative Fähigkeit, sondern auch eine langfristige Abhängigkeit von amerikanischer Software, Ausbildung, Bewaffnung, Ersatzteilen, Modernisierung und logistischer Unterstützung.9

Ähnlich sichtbar ist die amerikanische Rolle bei der Modernisierung der tschechischen Hubschrauberflotte. Tschechien ersetzt seine sowjetisch-russischen Mi-24/35 durch die amerikanischen Plattformen UH-1Y Venom und AH-1Z Viper. Insgesamt soll die tschechische Luftwaffe über 20 Maschinen dieser H-1-Familie verfügen, darunter auch acht Hubschrauber, die die USA im Rahmen ihrer Unterstützung nach der russischen Invasion der Ukraine bereitstellten.10 Damit führt die Abkehr von sowjetischer Technik zugleich zu einer stärkeren technologischen und logistischen Anbindung an die Vereinigten Staaten.

Diese Entwicklung bedeutet jedoch keine vollständige sicherheitspolitische Abhängigkeit Tschechiens von Washington. Die tschechische Modernisierung bleibt in anderen Bereichen breiter europäisch und international diversifiziert – etwa durch schwedische CV90-Schützenpanzer, deutsche Leopard-2-Plattformen, israelische Luftverteidigungs- und Radarsysteme oder brasilianische Transportflugzeuge C-390. Die USA sind also nicht der einzige, wohl aber in besonders hochwertigen und strategisch sensiblen Bereichen der wichtigste Partner: bei Kampfflugzeugen, Hubschraubern, Ausbildung, Interoperabilität und dem politischen Sicherheitsrahmen der transatlantischen Bindung.

Innenpolitik, Resilienz und hybride Bedrohungen als sicherheitspolitische Faktoren

Eine wichtige Frage aus dem Publikum betraf das Verhältnis von Bürokratie, Innenpolitik und Verteidigungsfähigkeit. Der georgische Botschafter in Tschechien, Ruslan Abashidze, fragte, wie demokratische Staaten ihre Institutionen so stärken könnten, dass Russland innenpolitische Schwächen nicht ausnutzt. Die Antworten machten deutlich, dass Sicherheitspolitik heute nicht nur eine Frage politischer Kommunikation ist, sondern auch der praktischen Reformfähigkeit politischer Systeme.

Die Verlässlichkeit Deutschlands als sicherheitspolitischer Partner ist aus Sicht vieler östlicher Partnerstaaten eng mit der politischen Entwicklung im Land verknüpft. Die wachsende Popularität der AfD wird daher vielerorts mit Sorge betrachtet. Zugleich haben viele Bürgerinnen und Bürger noch immer das Gefühl, dass äußere Bedrohungen sie nicht unmittelbar beträfen. Dieses Gefühl wird von russlandfreundlichen populistischen Kräften von rechts wie von links zusätzlich verstärkt. Fischer unterstrich deshalb die Notwendigkeit, den Bürgerinnen und Bürgern die Gefahren des Populismus zu erklären und zugleich eine glaubwürdige demokratische Alternative anzubieten. Zavadilová verwies in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung politischer Reformfähigkeit: Eine Regierung müsse zeigen, dass sie Konsens herstellen und konkrete Probleme lösen könne; nur dann könne sie sich auch glaubwürdig auf geopolitische Fragen konzentrieren. 

Fischer ergänzte, Tschechien könne interne Krisen vergleichsweise gut kommunizieren, habe aber Schwierigkeiten, internationale Krisen als eigene sicherheitspolitische Herausforderungen zu vermitteln. Tschechien hat in den vergangenen Jahren begonnen, Sicherheitspolitik stärker als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu formulieren. Die Sicherheitsstrategie von 2023 richtet sich ausdrücklich nicht nur an staatliche Institutionen, sondern auch an Bürgerinnen und Bürger, Zivilgesellschaft und den Privatsektor. Damit wird deutlich: Resilienz entsteht nicht allein in Ministerien oder bei den Streitkräften, sondern auch in Bildung, Medien, Wirtschaft, Kommunen und gesellschaftlicher Debatte.

Projekt „72 Stunden“: Eine tschechische Broschüre zeigt, wie Bürgerinnen und Bürger die ersten drei Tage einer Krise eigenständig bewältigen können.

Projekt „72 Stunden“: Eine tschechische Broschüre zeigt, wie Bürgerinnen und Bürger die ersten drei Tage einer Krise eigenständig bewältigen können.

Copyright: https://www.72h.gov.cz/cs/ke-stazeni

Krisenvorsorge und strategische Kommunikation in Tschechien

Ein besonders anschauliches Beispiel für diesen Ansatz war das Projekt „72 Stunden“, das vom tschechischen Innenministerium gemeinsam mit dem Feuerwehr-Rettungskorps vorgestellt wurde.11 Die dazugehörige praktische Handreichung sollte Bürgerinnen und Bürger darauf vorbereiten, die ersten drei Tage einer Krise – etwa bei Ausfällen von Wasser, Strom, Heizung, Internet oder Verkehr – eigenständig zu bewältigen, bis staatliche Hilfe vollständig greifen kann. Die Broschüre wurde digital bereitgestellt und in Millionenauflage an Haushalte verteilt. Damit machte der Staat deutlich, dass Krisenvorsorge nicht nur eine Aufgabe professioneller Einsatzkräfte ist, sondern auch vom Verhalten und der Vorbereitung der Bevölkerung abhängt. 

Gerade deshalb ist die spätere Auflösung des Krizový informační tým im Innenministerium sicherheitspolitisch ambivalent zu bewerten. Das Team hatte seit 2022 die staatliche Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit in Krisensituationen koordiniert, etwa bei Überschwemmungen, Stromausfällen oder Bombendrohungen gegen Schulen.12 Seine Abschaffung wurde mit Reorganisation und Einsparungen begründet, stieß aber auf Kritik, weil damit aufgebaute Fachkompetenz in einem Bereich verloren gehen könnte, der für gesellschaftliche Resilienz zentral ist. Der Fall zeigt damit exemplarisch ein weiteres Spannungsverhältnis der tschechischen Sicherheitspolitik: Einerseits entstehen moderne Instrumente der Krisenvorsorge und strategischen Kommunikation; andererseits bleibt ihre institutionelle Verankerung politisch verwundbar. Dies erweist sich jedoch als echte Herausforderung, zumal die derzeitige Regierung selbst keine besonders überzeugenden Signale hinsichtlich ihrer Einschätzung der Bedeutung dieser Bedrohungen aussendet.

Damit wird ein zentrales Problem demokratischer Resilienz sichtbar: Sicherheitspolitik braucht sowohl gesellschaftliche Akzeptanz als auch konkrete Instrumente. Verteidigungsinvestitionen, Unterstützung für die Ukraine oder Maßnahmen gegen hybride Bedrohungen lassen sich langfristig nur aufrechterhalten, wenn Regierungen erklären können, warum diese Themen das tägliche Leben ihrer Bürgerinnen und Bürger betreffen.

Die Diskussion zeigt, dass die deutsch-tschechische Sicherheitskooperation nicht nur von Verteidigungsbudgets oder Militärprojekten abhängt. Sie hängt auch von der Stabilität demokratischer Systeme ab. Wenn populistische Parteien Vertrauen in Institutionen, internationale Kooperation und Unterstützung für die Ukraine untergraben, wird Sicherheitspolitik selbst zum innenpolitischen Konfliktfeld.

 

Pragmatismus als Grundlage deutsch-tschechischer Sicherheitskooperation

Die deutsch-tschechische Sicherheitskooperation steht vor einer Phase praktischer Vertiefung. Beide Länder teilen nach der Zeitenwende und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine eine ähnliche Bedrohungswahrnehmung. Gleichzeitig unterscheiden sich ihre strategischen Traditionen: Tschechien bleibt stark transatlantisch orientiert, während Deutschland seine Rolle in Europa neu definiert und stärker über eine eigene wie europäische Verteidigungsfähigkeit nachdenkt.

Gerade aus dieser Kombination kann produktive Zusammenarbeit entstehen. Deutschland bringt industrielle Kapazitäten, politisches Gewicht und europäische Gestaltungsmacht ein. Tschechien verfügt über regionale Erfahrung, eine klare Wahrnehmung russischer Bedrohung und praktische Initiativen wie die Munitionshilfe für die Ukraine. Entscheidend wird sein, ob beide Seiten über politische Symbolik hinausgehen und konkrete Fortschritte bei Logistik, Luftverteidigung, Infrastruktur, Rüstungskooperation und gesellschaftlicher Resilienz erzielen.

Die zentrale Lehre lautet: Sicherheit ist nicht nur eine Frage militärischer Fähigkeiten, sondern auch der politischen Handlungsfähigkeit demokratischer Staaten. Wer Russland abschrecken, die Ukraine unterstützen und Europa verteidigungsfähiger machen will, muss zugleich Bürokratie abbauen, industrielle Fragmentierung überwinden und den Bürgerinnen und Bürgern erklären, warum diese Politik notwendig ist.

Deutsch-tschechische Zusammenarbeit kann dabei zu einem wichtigen Baustein europäischer Sicherheit werden – nicht als Ersatz für NATO oder EU, sondern als praktischer Motor innerhalb beider Strukturen.

 

Die Hanns-Seidel-Stiftung als Brückenbauerin im sicherheitspolitischen Dialog

Eine besondere Rolle kommt der Hanns-Seidel-Stiftung zu. Als langjährig in Tschechien präsente Akteurin verfügt sie über eine gewachsene Vertrauensbasis und ein breites Netzwerk von Expertinnen und Experten auf beiden Seiten der Grenze. Gerade in einer Phase, in der sicherheitspolitische Fragen stärker denn je europäisch, transatlantisch und zugleich innenpolitisch diskutiert werden, ist diese vermittelnde Funktion unverzichtbar. Die Stiftung schafft Räume, in denen deutsche und tschechische Perspektiven nicht nur nebeneinandergestellt, sondern miteinander ins Gespräch gebracht werden. Schon heute leisten ihre Dialogformate einen Beitrag zum Brückenschlag zwischen Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Sicherheitscommunity und Zivilgesellschaft. Damit bereiten sie den Boden für konkrete gemeinsame Ansätze in einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur.

Quellenverzeichnis

  1. Michal Voska, „Veřejná výměna názorů na rozloučenou. Řehka se ostře vymezil vůči končící Černochové,“ Novinky.cz, 27. November 2025, https://www.novinky.cz/clanek/domaci-verejna-vymena-nazoru-na-rozloucenou-rehka-se-ostre-vymezil-vuci-koncici-cernochove-40550514, abgerufen am 26. Juni 2026.
  2. Kancelář ministryně obrany, „Poskytnutí informací,“ Ministerstvo obrany České republiky, 12. November 2025, https://statnisluzba.mo.gov.cz/sites/statnisluzba/files/2025-11/Po%C4%8Dty%20voj%C3%A1k%C5%AF.pdf, abgerufen am 26. Juni 2026.
  3. Tiskové oddělení MO, „Aktuální čísla potvrzují rekordní zájem o službu v uniformě. Armáda ČR hlásí historicky nejvyšší počet nováčků,“ Ministerstvo obrany České republiky, 5. November 2025, https://mocr.mo.gov.cz/informacni-servis/zpravodajstvi/aktualni-cisla-potvrzuji-rekordni-zajem-o-sluzbu-v-uniforme--armada-cr-hlasi-historicky-nejvyssi-pocet-novacku-261021/, abgerufen am 26. Juni 2026.
  4. Kateřina Gruntová, „Armáda nemá dost krve pro vojáky. Už teď chce zásoby pro konflikt s Putinem,“ Seznam Zprávy, 26. Mai 2026, https://www.seznamzpravy.cz/clanek/domaci-zivot-v-cesku-armada-nema-dost-krve-pro-vojaky-uz-ted-chce-zasoby-pro-konflikt-s-putinem-307003, abgerufen am 26. Juni 2026.
  5. Karel Janicek, „Czechs won’t meet NATO defense spending target under populist leader Babiš,“ AP News, 11. März 2026, https://apnews.com/article/czech-defense-spending-nato-trump-f66498682218a609a37fd2ea5647dfbd, abgerufen am 26. Juni 2026.
  6. Bundesministerium der Verteidigung, „Antrittsbesuch: Pistorius empfängt tschechischen Verteidigungsminister in Berlin,“ 9. Juni 2026, https://www.bmvg.de/de/aktuelles/pistorius-empfaengt-tschechischen-verteidigungsminister-6109832, abgerufen am 26. Juni 2026.
  7. ČTK und pov, „Nákup tanků Leopard 2A8 schválila vláda,“ ČT24, 3. September 2025, https://ct24.ceskatelevize.cz/clanek/domaci/nakup-tanku-leopard-2a8-schvalila-vlada-364681, abgerufen am 26. Juni 2026.
  8. KNDS, „TATRA DEFENCE and KNDS Deutschland jointly strengthen Czech defense industry,“ 18. Dezember 2025, https://knds.com/en/press-releases/tatra-defence-and-knds-deutschland-jointly-strengthen-czech-defense-industry, abgerufen am 26. Juni 2026.
  9. Associated Press, „Czech government signs a deal with the US to acquire 24 F-35 fighter jets,“ AP News, 29. Januar 2024, https://apnews.com/article/czech-army-purchase-us-fighter-jets-faa740b09c1d322a97bf94cb42fffd7d, abgerufen am 26. Juni 2026.
  10. Ministry of Defence & Armed Forces of the Czech Republic, „United States to donate eight H1 helicopters to the Czech Republic,“ 23. August 2022, https://www.mo.gov.cz/en/ministry-of-defence/newsroom/news/united-states-to-donate-eight-h1-helicopters-to-the-czech-republic--238195/, abgerufen am 26. Juni 2026.
  11. Ministry of the Interior of the Czech Republic, „How to Prepare for Crisis Situations and Overcome Them Together,“ 72hodin, 2025, https://www.72h.gov.cz/en, abgerufen am 26. Juni 2026.
  12. ČTK, „Ministerstvo vnitra ruší svůj Krizový informační tým,“ Novinky.cz, 17. März 2026, https://www.novinky.cz/clanek/domaci-ministerstvo-vnitra-rusi-svuj-krizovy-informacni-tym-40568337, abgerufen am 26. Juni 2026.

 

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